Samstag, 5. Mai 2007

Spitals-Skandal lässt Italien erschaudern: Acht Lachgas-Tote innerhalb weniger Tage!

  • Narkosegas vor der OP mit Sauerstoff verwechselt
  • Immer wieder Gesundheitsskandale im Nachbarland

Ein neuer Krankenhaus-Skandal erschüttert Italien: In einem Spital bei Taranto in Apulien im Süden des Landes sind innerhalb weniger Tage acht Herzpatienten vermutlich an einer Lachgas-Vergiftung gestorben. Ersten Ermittlungen zufolge kamen die älteren Menschen ums Leben, als sie in einer erst vor kurzem eröffneten Intensivstation für Patienten mit Erkrankungen der Herzkranzgefäße über Sauerstoffmasken beatmet wurden - doch wegen eines technischen Fehlers hätten sie eine tödliche Dosis des Narkose-Gases bekommen.

"Wer diesen Fehler begangen hat, muss dafür bezahlen", schimpfte der Gouverneur von Apulien, Nichi Vendola. Doch der "tödliche Irrtum" ist nur der jüngste Fall in einer Serie von Skandalen - Italiens Gesundheitssystem steht seit Jahren am Pranger.

"Es handelt sich um eine fehlerhafte Verbindung (der Rohre), die beim Bau der Anlage entstand", meint ein Verantwortlicher. Die Koronar-Station am Krankenhaus von Castellaneta bei Taranto war erst vor zwei Wochen eröffnet worden, die neuen Apparaturen seien sogar erst seit zwei Tagen in Betrieb, hieß es. Um die exakte Todesursache zu bestimmen, muss eine Autopsie der Leichen vorgenommen werden. Experten weisen aber auf ein Problem hin: Das als Lachgas bekannte Distickstoffmonoxid (N20) ist nur kurze Zeit im Körper nachweisbar.

Italiens Gesundheitsministerin Livia Turco kündigte Untersuchungen in allen Spitälern an: Angesichts der Häufung der Zwischenfälle müsse jedes Krankenhaus eine eigene "Sicherheitsabteilung" einrichten. Die Opfer des jüngsten Skandals waren zumeist weit über 70 Jahre alt, einige seien bereits vor der Behandlung schwer krank gewesen, berichtete das staatliche Fernsehen. Doch es heißt auch, als eine der letzten Patienten sei eine 73-jährige Frau gestorben, die lediglich leichte Herzbeschwerden gehabt habe. Hilflos und verzweifelt suchte ihr Enkel nach einer Erklärung: "Ein Krankenhaus ist doch dazu da, dass man geheilt wird, und nicht, dass man stirbt."

Zuvor hieß es zeitweise, das medizinische Personal habe vermutlich die Schläuche zur Sauersoff- und Lachgaszufuhr verwechselt, als sie den Patienten die Sauerstoffmasken anlegten. Dabei gibt es nach   Ansicht von Experten ein sicheres System, um Irrtümer zu vermeiden. "Die Anschlüsse für Sauerstoff sind in weißer Farbe, die für das Stickstoffgemisch sind blau". Die Staatsanwaltschaft in Taranto leitete Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen unbekannt in acht Fällen ein.

Eigenartig erscheint es, dass die Intensivstation bereits vor einem Jahr fertig gestellt worden sei, aber dennoch erst kürzlich eröffnet wurde. Es heißt, zuvor habe man keinen Herzspezialisten für die Abteilung gefunden.

Immer wieder Gesundheitsskandale im Nachbarland
Italien ist an Gesundheits-Skandale gewöhnt. Erst vor kurzem wurden bei einer Organverpflanzung in Florenz mehrere Menschen mit Leber und Nieren einer HIV-Patientin versorgt. Auch hier unterlief ein folgenschwerer Irrtum: Irgendjemand schrieb fälschlicherweise HIV "negativ" statt "positiv" auf den Patientenzettel der Spenderin. Schon damals meinte Gesundheitsministerin Turco fast flehentlich: "Bitte habt weiter Vertrauen in unser System".

Ganz Italien war auch empört, nachdem ein Journalist sich in Krankenhäuser eingeschlichen und Fotos über haarsträubende hygienische Verhältnisse veröffentlichte: In Gängen der Krankenhäuser lagen Zigarettenreste von Ärzten und Pflegern. In einem Korridor lag stinkender Hundekot, der Tage lang nicht weggeputzt wurde - und in einem Krankenhaus in Neapel gab es Ratten. Bis zu 7.000 Menschen sterben in Italien jedes Jahr als Folge mangelnder Hygiene in den Krankenhäusern. Vor ein paar Jahren mussten sogar an der berühmt- berüchtigten Poliklinik in Rom mehrere Operationssäle geschlossen werden - dort hatte man Mäuse gefunden.
(APA/red)

5.5.2007 18:09