Sonntag, 6. Mai 2007

Kampf der Schulen im Reality-Check: Altes Gymnasium gegen moderne Gesamtschule

  • Der NEWS-Lokalaugenschein zum Politstreit-Thema
  • Wie alte & neue Schulmodelle in Praxis funktionieren

Es ist ein kleiner Ort mitten im Burgenland. Gerade einmal 800 Menschen wohnen in Oberschützen. Doch dazu kommen 1.200 Schüler, die hier an unterschiedlichen Schulen ihre Ausbildung absolvieren. Und jeder Einzelne von ihnen wird von den Schulen dringend gebraucht. Denn nicht nur im Burgenland, sondern in ganz Österreich kämpfen durch die rapide sinkende Schülerzahl etliche Schulen ums Überleben. Auch das Gymnasium Oberschützen ist vom Schülerschwund betroffen. "Wir haben jetzt 570 Schüler, 320 davon in der Unterstufe, Tendenz fallend", erzählt Alfred Kainz, der seit 21 Jahren Direktor des Gymnasiums ist. "Zu unseren Hochzeiten in den späten 80er-Jahren hatten wir 930 Schüler."

Schule mit strengem Ruf. Es ist eine traditionsreiche Schule: Das schlossähnliche Gebäude stammt aus dem Jahr 1910, eine Ahnengalerie der ehemaligen Rektoren ziert die Wände. Auf den dunklen Vitrinen stehen die Pokale der Schülersportmannschaft, aus einem der Zimmer hallt eine auf dem Klavier endlos wiederholte Tonleiter durch die Gänge. Man spürt, dass hier Disziplin und Leistung großgeschrieben werden.

Die Schule hat einen sehr strengen Ruf
Den kennt auch Direktor Kainz. "Es wird offenbar von außen so wahrgenommen. Sicher stellen wir einige Anforderungen, aber es soll doch eine Ausbildung für die Universität sein", so Kainz. "Wenn der Schultyp AHS eine Berechtigung haben soll, muss man dafür sorgen, dass die Schüler ihr Begabungspotenzial ausschöpfen. Die Jugendlichen müssen dann auch verstehen, dass nicht immer alles nur Fun und Spiel sein kann." Es sei notwendig, dass es in der Schule "klare Verhaltensrichtlinien und Sanktionen im sinnvollen Maße gibt", ist der Schulleiter überzeugt. Mittlerweile sei es sehr schwierig, "nicht lernwillige Schüler wieder aus der Schule zu befördern". "In den vergangenen 15 Jahren wurden die Gesetze immer mehr zugunsten der Schüler aufgeweicht. Es gibt nun praktisch keine Handhabe mehr mit Disziplinierungsmaßnahmen."

Modellregion für Gesamtschule
Seit Wochen wird in Österreich über die Einführung einer Gesamtschule für alle 10-bis 14-Jährigen diskutiert. Modellregionen sollen schon demnächst in den Bundesländern eingeführt werden. Auch Oberschützen werde zu diesen Regionen zählen, hat der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl beschlossen. Aber kann sich AHS-Chef Kainz vorstellen, dass "seine" Eliteschule zur gemeinsamen Schule für alle 10-bis 14-Jährigen wird? Für Kainz wäre es "ganz schrecklich, wenn die Gesamtschule nun überhastet eingeführt" werde. Ein prinzipieller Gegner der Gesamtschule sei er aber dennoch nicht, gibt er sich diplomatisch: "Derzeit ist die frühe Entscheidung mit zehn Jahren für einen Schultyp ein Nachteil", so der Direktor. "Eine Gesamtschule sollte aber nur mit entsprechenden Begleitmaßnahmen kommen."

AHS-Schüler gegen Gesamtschule
Die Schüler der 4a des Gymnasiums Oberschützen machen dem Elite-Bewusstsein ihres Direktors alle Ehre. Sie haben für die Einführung einer Gesamtschule überhaupt kein Verständnis. "Das Gymnasium ist eben eine bessere Schule für leistungsstärkere Schüler", sagt Andrea. "Der Stoff in der Hauptschule ist ein Witz", ergänzt Philip. Hier lerne man einfach "mehr und wichtigere Sachen".

Schulversuch in Oberwart
Nur ein paar Kilometer weiter, in Oberwart, wird ein gegenteiliges Schulmodell praktiziert. "Unsere Schule ist bereits so etwas wie eine Gesamtschule", sagt Direktor Nikolaus Schermann. "Es ist wichtig, dass jede Schule ihre eigene Identität findet, um langfristig zu überleben." Daher hat Schermann vor drei Jahren den Schulversuch Europäische Mittelschule (EMS) eingerichtet. Seither stieg die Zahl der Schüler jährlich um rund 20 an. Im Augenblick lernen hier 278 Jugendliche nach dem Motto "Leistung und Wohlfühlen". Und Schermann ist überzeugt, dass es im kommenden Jahr "über 300" Kinder sein werden.

Videospiel und Billardtische
Die Schule ist hell und bunt. Jeder Stock hat eine eigene Farbe. Die warmen Töne Gelb, Orange und Rot sowie viel Glas dominieren den Bau. Es gibt keine Leistungsgruppe in der EMS. Die Klassen werden von Schulstufen-Teams unterrichtet. In den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik unterrichten jeweils zwei Lehrer. In jeder Schulstufe gibt es Integrationsklassen. Der Unterricht findet von 7.35 bis 13 Uhr statt. Im Gegensatz zum Gymnasium in Oberschützen wird an der EMS individuelle Nachmittagsbetreuung angeboten: Am Vormittag findet der reguläre Unterricht statt, danach gibt es betreute Freizeitangebote bis 17.25. Und davon gibt es reichlich: Sport, Theatergruppen, Informatik, aber auch eine "Gamezone" mit Computerspielen und Billardtische stehen zur Verfügung. "Es sind immer Lehrer als Aufsichtspersonen dabei", betont Schermann.

Gymnasium Oberschützen:
Besonders strenger Ruf
Schülerzahl: 570.
Tendenz: deutlich fallend.
Schwerpunkte: zweisprachige Klassen Englisch/Deutsch, Zweig für Leistungssportler.

Gesamtschule Oberwart:
Schulversuch EMS in Oberwart seit 2004.
Motto der Gesamtschule: "Leistung und Wohlfühlen."
Schülerzahl: 278.
Nachfrage: stark steigend.
Schwerpunkte: Schule für alle 10-bis 14-Jährigen.
Individuelle Nachmittagsbetreuung.

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6.5.2007 07:09