60 Stunden Nachhilfe oder Studiengebühren: Hahn präsentiert Modell für Rückerstattung
- Nur Förderunterricht oder Studienberatung befreien
- Für SPÖ "Beamtenentwurf" - ÖH will nicht abwickeln

·Mehr Geld für sozial bedürftige Studenten
Studienbeihilfe-Erhöhung im Ministerrat abgesegnet
Die Studiengebühren-Rückerstattung für Studenten kommt nur für die Bereiche Mentoring (v.a. Nachhilfe) und Tutoring (Studienrichtungs-Beratung). Das sieht das von einer interministeriellen Arbeitsgruppe konzipierte Modell vor, das Wissenschaftsminister Johannes Hahn präsentierte. Für 60 Stunden Studienrichtungsberatung an einer AHS oder berufsbildenden höheren Schule oder 60 Stunden Nachhilfe bzw. Stütz-oder Förderunterricht für Zehn- bis 14-Jährige pro Semester erhalten Studenten ab 2008/09 die Gebühren in der Höhe von 363,36 Euro rückerstattet. Damit kommt man auf einen Stundenlohn von sechs Euro.
Anlässlich der Regierungsbildung wurden von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer als Beispiele für die Rückerstattung die Unterstützung von sozial bedürftigen Schülern oder Arbeit in der Hospizbewegung genannt. Darauf hin setzte ein wahres Ideenfeuerwerk ein, welche Freiwilligenarbeit noch für eine Refundierung der Studiengebühren geeignet sein sollte - von der Blasmusik über die Parteijugend bis zum Sportverein.
Tutoren müssen sich einer Schulung in der Dauer von mindestens drei Halbtagen unterziehen, die Beratungs- und Präsentationstechnik sowie Kenntnisse der Inhalte der eigenen und verwandter Studienrichtungen umfasst. Für die Refundierung müssen 15 Einsätze pro Semester absolviert werden. Mentoren werden mindestens fünf Halbtage geschult, sie sollen dabei grundsätzliche didaktische Fähigkeiten (Schwerpunkt Leseförderung und Vorbereitung auf Umgang mit Kindern nichtdeutscher Muttersprache) vermittelt bekommen. Sie sollen wöchentlich vier Stunden Nachhilfe geben.
Abgewickelt werden soll das Modell laut Hahn entweder über die Hochschülerschaft (ÖH), die eine Mitarbeit aber bereits ausgeschlossen hat, oder einen privaten Verein wie Kulturkontakt Austria. Offen sind noch grundlegende rechtliche Fragen: Hahn möchte "sicherstellen, dass keine Arbeitsverhältnisse entstehen". Dazu müssen Sozialversicherungsgesetze sowie das Einkommenssteuergesetz geändert werden. Die legistischen Vorarbeiten sollen um den Jahreswechsel abgeschlossen sein, die organisatorischen im ersten Halbjahr 2008.
Keine Gusenbauer-Nachhilfe möglich
Auf eine mögliche Zahl der Interessenten für das Modell wollte sich Hahn nicht festlegen. Einer fällt aber explizit aus: Gusenbauer hatte zuletzt angekündigt, Nachhilfe geben zu wollen. Im Rahmen des Rückerstattungs-Modells wird das aber nicht gehen: Dieses sei nur für Studenten gedacht, die auch Studienbeihilfe beziehen könnten, so Hahn. Dazu muss das jeweilige Studium vor dem 30. Lebensjahr begonnen worden sein.
Die ÖH kritisierte, dass sie bei der Erarbeitung des Modells nicht eingebunden wurde. Kritik übten die Studentenvertreter auch am Modell selbst: Die Studenten würden kein Arbeitsverhältnis erhalten, sondern als "Scheinselbstständige beschäftigt". Der Staat trete damit als "Arbeitgeber auf, der so ziemlich die schlechtest möglichen Arbeitsbedingungen liefert". Die Bundesjugendvertretung hält das Modell für ein "Dumping-Nachhilfesystem".
SPÖ nicht zufrieden
Auch die SPÖ ist nicht zufrieden: Wissenschaftssprecher Josef Broukal sprach von einem "zögerlichen und unambitionierten Beamten-Entwurf", der zwar ein Schritt in die richtige Richtung sei, aber nicht genüge. Nach seiner Ansicht sollen Tutoren auch an Unis eingesetzt werden, außerdem soll das Modell bereits heuer im Herbst starten. Bei den Grünen herrscht "getrübte Freude": Einerseits habe sich Hahn gegen "absurde Begehrlichkeiten" wie die Rückerstattung für die Arbeit in Trachtenvereinen, Musikkapellen, Hospizeinrichtungen und Parteiorganisationen gewehrt, andererseits würde nur einem "Bruchteil" der Studenten die Gebühren erlassen.
Das BZÖ will statt des "Gusenbauer-Hahn-Refundierungsmodells" flotten Studenten die Studiengebühren überhaupt erlassen. Weiters soll es für schnelle Studenten mit guten Noten - "beispielsweise ab einem Notendurchschnitt von 1,5" - noch eine finanzielle Sonderleistungsprämie geben. "Voll und ganz unterstützt" wird das Modell dagegen von ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek.
Ablehnung der Studentenfraktionen
Die Studentenfraktionen lehnen das von Hahn präsentierte Modell einhellig ab. Dieses könne "bestenfalls als Rohrkrepierer" bezeichnet werden, meinte Samir Al-Mobayyed, Spitzenkandidat der VP-nahen AktionsGemeinschaft für die ÖH-Wahlen vom 22. bis 24. Mai, in einer Aussendung: "Im Vorfeld der ÖH-Wahlen möchte die SPÖ/ÖVP-Regierung ihren Studienbeitragsumfaller wieder wettmachen." ÖH-Arbeit und überhaupt ehrenamtliche Tätigkeiten würden so ad absurdum geführt, so Al-Mobayyed.
Die Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS) rufen zu einem Boykott auf. Weder würden bestehende ehrenamtliche Leistungen oder die Pflege von Angehörigen honoriert, noch eröffne das Modell mehr Möglichkeiten für am Arbeitsmarkt diskriminierte ausländische Studierende, kritisierte GRAS-Spitzenkandidatin Fanny Rasul in einer Aussendung. "Es ist mehr als unverantwortlich, kurzfristig ausgebildete Studierende auf lernschwache SchülerInnen los zu lassen." Das Modell sei dafür konzipiert, "dem Staat Kosten für Integrationsarbeit zu sparen, die Studierenden werden ausgebeutet, prekär beschäftigt und müssen zudem unbezahlte Einschulungen absolvieren".
Lisa Schindler, Spitzenkandidatin des Verbands Sozialistischer StudentInnen (VSStÖ), hält das Modell für "schlimmer als erwartet". Das Geld wäre in einer echten Erhöhung der Stipendien besser aufgehoben, meinte sie in einer Aussendung. "Anstatt die Studienberatung zu verbessern und mehr Geld in die schon bestehende und gut funktionierende Beratung der ÖH zu stecken, wird hier eine neue Struktur geschaffen, der sowohl Erfahrung als auch Know How in diesem Bereich fehlt", so Schindler.
Auch die Fachschaftslisten (FLÖ) halten das Modell für "von vornherein zum Scheitern verurteilt". Untermauert werde diese Einschätzung von Hahn selbst, weil dieser "keine Einschätzung abgeben konnte, wie viele Studierende das Angebot annehmen werden", so FLÖ-Bundessprecher Hartwig Brandl. "Es wirkt, als würde das Ministerium selbst nicht an den Erfolg des Modells glauben." Das geplante Mentoring sei "pädagogisch bedenklich", das Tutoring werde ohnehin bereits "von der ÖH auf hohem Niveau geboten".
(apa/red)
