Quoten-Schwund nach ORF-Reform: Wrabetz will "die volle Verantwortung übernehmen"
- Publikumsrat zu MiA: "Bauchfleck mitten im Seichten"
- "Julia" fliegt raus, "szene;)" soll überarbeitet werden
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ORF-Chef Alexander Wrabetz will "die volle Verantwortung für die Programmreform übernehmen", kündigte er vor dem ORF-Publikumsrat an. Der Generaldirektor zog eine erste vorsichtige Bilanz über die Entwicklung des neuen Programms, wobei er vor allem vier Punkte ortete, die noch nicht funktionieren: "Julia" wird durch ein Konsumentenmagazin ersetzt, "szene;)" muss thematisch breiter werden, "MiA" wird derzeit überarbeitet, und die Gesamtprogrammierung muss optimiert werden.
Gelungen ist laut Wrabetz der Ausbau und die Neugestaltung der Informations- und Nachrichtenformate, ORF 1 habe eine eigene Informationsleiste erhalten, womit er dem häufig erhobenen Vorwurf, ein reiner Abspielkanal amerikanischer Serien zu sein, entgegentritt. Die "ZiB"-Familie erreicht laut ORF-Chef mehr junges Publikum als vor der Reform, wofür Wrabetz Lob vom Publikumsrat erntete. Der Optimierungsbedarf in der Information hält sich daher auch in Grenzen: Wie bereits angekündigt sollen die Streifen im Hintergrund der "ZiB" verschwinden, die Wetterelemente werden um einige Aspekte bereichert und "Wie bitte?" soll sich noch mehr "mit starken Info-Inhalten etablieren".
Kritik an "MiA" reißt nicht ab
Wie so oft stand die tägliche Sitcom "Mitten im Achten" im Mittelpunkt der Kritik. Andreas Kratschmar, Vorsitzender des Programmausschusses, bezeichnete "MiA" als "Bauchfleck mitten im Seichten". Sollte die Serie der Versuch sein, österreichische Realität abzubilden, "ist das wohl der wenig verborgene Versuch der Publikumsbeschimpfung", so Kratschmar. Auch Wrabetz und Programmdirektor Wolfgang Lorenz räumten ein, "MiA" sei noch lange nicht da, wo der ORF die Serie haben will. Dennoch sei die Daily Soap von Anfang an Marktführer in seinem Segment, was als Erfolg zu werten sei. Deutsche Vorbilder hätten außerdem gezeigt, dass es mindestens fünf bis sieben Monate dauert, bis sich tägliche Formate etablieren. Die Kritik am "MiA" werde ernst genommen - ab Folge 30 sollen die Veränderungen laut Lorenz dann auch am Bildschirm sichtbar werden. Was man bis jetzt gesehen habe, "war jedenfalls noch nicht alles".
ORF-Quoten im Sinkflug
Der ORF gab auch seine Marktanteile für den Monat April bekannt. In den Kabel- und Satelliten-Haushalten stürzte der ORF von 41,3 Prozent auf 37,9 Prozent ab. Wrabetz betonte, dass nicht nur der ORF sondern beinahe alle österreichischen Programme, bzw. Sender mit Österreich-Fenstern, Marktanteilseinbußen hinnehmen mussten. Einzig ProSieben konnte dem ORF Zuseher wegnehmen und zwar mit dem Format "Germanys next Topmodel". Ein derartiges Programm käme laut Wrabetz für den ORF aber trotzdem nicht in Frage und sei mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht vereinbar.
Im Visier der Kritik fand sich einmal mehr auch die - nach Meinung der Publikumsräte - all zu laute Kommunikationsstrategie im Vorfeld der Programmreform, die für überhöhte Erwartungen und in Folge dessen für die Enttäuschung der Zuschauer verantwortlich sei. Wrabetz sprach in dem Zusammenhang von einer "notwendigen Vorauskommunikation", die Räte von "Maulhelden"-Gehabe und einer Mischung aus "Selbstinszenierung und maßloser Kommunikation".
Neue Aufgaben für Manola und Unterberger
Wrabetz gab außerdem zwei neue Betätigungsfelder für zwei alte ORF-Mitarbeiter bekannt: Franz Manola, ehemaliger ORF On-Chef, erstellt künftig die Strategie für hochauflösendes Fernsehen (HDTV) im ORF. Klaus Unterberger, der auch der Initiative Freiraum angehört, leitet eine Arbeitsgruppe, um den Public Value, den öffentlich-rechtlichen Wert des ORF, zu bestimmen.
Oberhauser sorgt für Eklat
Für einen kleinen Eklat sorgte unter anderem eine Wortmeldung von Informationsdirektor Elmar Oberhauser, der in seiner ihm eigenen deutlichen Art Kritik an einzelnen Punkten der Programmreform zurückwies und die Vermutung äußerte, dass der ÖVP-nahe Publikums- und Stiftungsrat Franz Medwenitsch mit seiner in der APA veröffentlichten Rundumkritik an der Reform einem parteipolitischen Auftrag nachgekommen sei. "Wir haben in wenigen Wochen etwas zu Stande gebracht, von dem ich behaupte, dass es auf dem besten Weg ist." Für Aburteilungen sei es "viel zu früh", der Zuschauer werde im Endeffekt sein Urteil sprechen.
Vor allem beim Gremiumsvorsitzenden Georg Weissmann stießen "Umgang und Ton" des Informationsdirektors auf Empörung: "Herr Oberhauser: So kann man mit Kritik nicht umgehen, das ist Ihrer nicht würdig, das lass ich auch auf meinem Gremium nicht sitzen. Dass wir hier in Halleluja einstimmen, das können Sie von uns nicht erwarten. So würde ich Sie bitten, Demokratie im ORF nicht zu verstehen", erregte sich Weissmann, woraufhin sich Oberhauser entschuldigte, sollte er jemandem zu nahe getreten sein.
(apa/red)m
