Mittwoch, 2. Mai 2007

Modellversuche statt Labor: Regierung setzt
bei Gesamtschule jetzt auf Experimente!

  • Nach Evaluierung wird über Zukunft entschieden
  • Experten-Kritik an Unterrichtsministerin Schmied

Die Regierung will in der Debatte rund um die Gesamtschule vor einer Entscheidung über das weitere Vorgehen die Modellversuche abwarten. Nach dem Ministerrat verwiesen sowohl Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (S) als auch Vizekanzler Wilhelm Molterer (V) auf die verschiedenen Schulversuche in den Bundesländern.

Statt einer ideologischen Diskussion setze man nun auf die maßgeschneiderten Pakete in den Ländern, betonte Gusenbauer. Beide betonten jedoch, dass sich diese Versuche auch in Grenzen halten müssten.

"Schule soll nicht permanentes Labor sein", meinte der Bundeskanzler. Er schätzt, dass die verschiedenen Modelle innerhalb von zwei Jahren evaluiert werden können. Danach will man entscheiden, wie es mit dem österreichischen Schulsystem weitergehen soll. Molterer betonte in diesem Zusammenhang die Vielfalt, Wahlfreiheit, Leistung und Förderung als zentrale Elemente für die Qualität des Bildungssystems. Er verwies außerdem darauf, dass man in anderen Ländern mit der Gesamtschule nicht unbedingt positive Erfahrungen gemacht habe. Im Interesse der Eltern solle sich das Experimentieren am Bildungssystem in Grenzen halten.

Experten-Kritik an Schmied
Kritik an der Vorgangsweise von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) bei der Einführung von Schulversuchen zur Gesamtschule übt der Erziehungswissenschafter Karl Heinz Gruber von der Universität Wien. Er hält nicht viel davon, dass sich Schmied bereits vor der Arbeit der von ihr geplanten Expertenkommission für Schulreformen auf die "mehr oder weniger wohlüberlegten" Gesamtschulinitiativen der Bundesländer einlässt.

Der Gesamtschul-Befürworter Gruber hätte zuerst die Expertenkommission arbeiten lassen und dann - wie in Frankreich - eine österreichweite "Grand Debat" über die Kommissionsvorschläge durchgeführt, erklärte er in einem Gastkommentar in der Tageszeitung "Der Standard". Dies hätte, so die Hoffnung des Erziehungswissenschafters, zu einer Versachlichung, Entpolarisierung und Entkrampfung der Gesamtschuldebatte geführt. Erst dann hätte er mit konkreten Schulversuchen begonnen, für welche die Rahmenbedingungen, insbesondere die Position der ÖVP und die öffentliche Meinung, mutmaßlich günstiger sein würden als jetzt.

Die verschiedenen nun angekündigten Initiativen seien zwar "hoffnungserweckend", Gruber kritisiert aber auch deren "alarmierende Naivität". Übersehen werde dabei, "dass es infolge der trotzigen Abkoppelung der österreichischen Schulentwicklung vom restlichen Europa in der Ära Gehrer zur Zeit in Österreich so gut wie keine reformstützende Infrastruktur für die Entwicklung, Betreuung und Evaluierung von Schulversuchen gibt, dass kein 'Masterplan' existiert, an dem sich alle Versuche und Modelle zu orientieren hätten". Zudem mangle es an den fundamentalen Rahmenbedingungen, die eine "durchkomponierte Schulreform" ermöglichen würden.

Es werde Aufgabe der geplanten Expertenkommission sein, "ein Konzept zu erarbeiten, das als tragfähige Basis für eine umfassende Schulreform fungiert und verhindert, dass mehr oder weniger zufällig da oder dort 'irgendetwas ausprobiert' wird und dabei knappe Ressourcen und die kostbare Reformenergie der Lehrerschaft vergeudet wird".

(apa/red)

2.5.2007 17:06