420.000 Österreicher leben in Armut:
Kann gewissermaßen sogar 'vererbt' werden
- Mindestsicherung unter Armutsgefährdungs-Grenze
- Zahl überdurchschnittlich hoch bei Alleinerziehern

Rund eine Million Menschen in Österreich ist armutsgefährdet, 420.000 davon leben in "manifester Armut". Das geht aus einer aktuellen Studie der "Statistik Austria" hervor, die Sozialminister Erwin Buchinger präsentiert hat. Damit leben zwölf Prozent der Bevölkerung in Armut oder sind von Armut bedroht. Im EU-Vergleich liegt Österreich damit an vierter Stelle - Spitzenreiter ist Schweden mit neun Prozent. Risikogruppen sind vor allem Familien mit mehr als zwei Kindern, Alleinerzieherinnen, Jugendliche, Ausländer, Pensionisten und Arbeitslose.
Bis 2010 will Buchinger die Armutsgefährdung auf unter elf Prozent senken und baut dabei neben 1.000 Euro Mindestlohn und Mindestsicherung vor allem auf eine positive Entwicklung am Arbeitsmarkt: "Das Hauptinstrument zur Reduzierung von Armut ist nicht die Mindestsicherung, das Hauptinstrument ist die Vollbeschäftigungspolitik." Mit der Mindestsicherung allein wäre die Armutsgefährdung freilich ohnehin nicht zurückzudrängen, liegt diese doch bereits unter der Armutsgrenze des Jahres 2005.
Als "Armutsgefährdet" gelten gemäß den vorgestellten Zahlen (sie beruhen auf der EU-Vergleichsstudie SILC und wurden 2005 erhoben) nämlich Personen, die weniger als 900 Euro monatlich zur Verfügung haben. Die Mindestsicherung wird dagegen auf zwölf Monate hochgerechnet nur 850 Euro ausmachen. Von "manifester Armut" spricht man, wenn zusätzlich zum niedrigen Einkommen noch Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen dazukommen (also etwa keine ordentliche Wohnung, kein Auto und kein Urlaub finanziert werden kann).
Überdurchschnittlich oft unter der Armutsgrenze leben der Studie zufolge Kinder und Jugendliche - mehr als ein Viertel ist "armutsgefährdet". Am stärksten betroffen sind jedoch Langzeitarbeitslose: 45 Prozent von ihnen sind der Studie zufolge armutsgefährdet. Bei Ausländern beträgt diese Quote 30 Prozent, auch 19 Prozent der Eingebürgerten leben unter der Armutsgrenze.
Ebenfalls stark gefährdet sind Alleinerzieher (27 Prozent) und Familien mit mehreren Kindern (21 Prozent). Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder haben dagegen nur selten finanzielle Probleme (sieben Prozent), ebenso wie Mehrpersonenhaushalte mit einem Kind (neun Prozent) oder zwei Kindern (elf Prozent). Überdurchschnittlich armutsgefährdet sind auch Pensionistenhaushalte (14 Prozent) - vor allem aber allein stehende Pensionistinnen, die zu 25 Prozent unter der Armutsgrenze leben.
Außerdem wird Armut häufig an die nächste Generation weiter vererbt. Die Armutsgefährdung von 25-45-Jährigen aus einem finanziell sehr schlecht gestellten Elternhaus ist mit 22 Prozent doppelt so hoch wie bei Gleichaltrigen aus sehr guten finanziellen Verhältnissen. Ein möglicher Grund: Auch das Bildungsniveau und damit das Einkommen hängt zum Teil von der Ausbildung der Eltern ab. So erreichen nur fünf Prozent der Kinder von Pflichtschulabsolventen einen Universitätsabschluss. Bei Akademiker-Haushalten sind es 46 Prozent.
Die Armutskonferenz pochte angesichts dieser Zahlen auf eine Bildungsreform. "Die Bildungschancen sollen vom Talent der Kinder und nicht vom Status der Eltern abhängen", forderte Sozialexperte Martin Schenk. Caritas-Präsident Franz Küberl verlange Gegenmaßnahmen für "Risikogruppen" wie Alleinstehende, kinderreiche Familien, Langzeitarbeitslose und Migranten: "Dem Bröckeln des Mittelstandes muss Einhalt geboten werden."
Die Grünen forderten einen gesetzlichen Mindestlohn von rund 1.200 Euro. Sozialsprecher Karl Öllinger warf Buchinger in Sachen Mindestsicherung "Schönfärberei" vor, weil diese teilweise massive Verschlechterungen bis hin zu "armutsverfestigenden Maßnahmen" - Stichwort Vermögensverwertung - bringen werde. Für FP-Sozialsprecher Herbert Kickl ist die Million armutsgefährdeter Österreicher ein "Erbe des Schüssel-Kurses, der jetzt von Molterer und Gusenbauer nahtlos fortgesetzt wird".
Familienministerin Andrea Kdolsky sieht das gute Ranking Österreichs im EU-Vergleich als Bestätigung für die Familienpolitik der ÖVP. "Das Kinderbetreuungsgeld greift, die erhöhte Familienbeihilfe hilft und damit funktioniert die ÖVP-Familienpolitik", so Kdolsky.
(apa/red)
