Freitag, 20. April 2007

Nach Siemens-Schmiergeldaffäre: Heinrich
von Pierer tritt als Aufsichtsratschef zurück

  • Top-Manager geriet mit Affäre stark unter Druck
  • Nachfolger wird ab 25. April Thyssen-Krupp-Cromme

Nach Monaten in der Kritik wegen der Korruptionsaffären bei Siemens weicht Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer dem öffentlichen Druck: Pierer werde am 25. April sein Amt niederlegen, teilte Siemens mit. Damit zieht der frühere Siemens-Vorstandschef und langjährige Wirtschaftsberater der deutschen Regierung nun doch persönliche Konsequenzen aus den Schmiergeldskandalen des größten industriellen Arbeitgebers in Deutschland. Pierers Amtsnachfolger beim Technologiekonzern soll der Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme werden, wie der Konzern weiter mitteilte.

"Ich gehe davon aus, dass die Neubesetzung des Aufsichtsratsvorsitzes auch einen Beitrag leisten wird, unser Unternehmen allmählich wieder aus den Schlagzeilen und in ruhigeres Fahrwasser zu bringen", begründete Pierer seinen Rückzug. Eine Mitwisserschaft an den Korruptionsaffären wies er erneut zurück. "Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung", erklärte der 66-Jährige.

"Politische Verantwortung" abgelehnt
Pierer hatte sich bis zuletzt gegen einen Abtritt wegen der Affären gewehrt. Eine "politische Verantwortung" dafür lehne er ab, hatte er immer betont - gerade weil er in seiner Zeit als Vorstandschef zwischen 1992 und 2005 von den schwarzen Kassen bei der Telekommunikationssparte Com nichts gewusst habe. Auch über die Bestechung von Mitarbeitern des italienischen Energiekonzerns Enel, über die derzeit in Darmstadt vor Gericht verhandelt wird, und die Millionentransfers an den Chef der Arbeitnehmerorganisation AUB will er nicht informiert gewesen sein.

Gespräche mit IG Metall
Doch Pierer war anscheinend nicht mehr selbst der Herr seiner Zukunft bei Siemens: In den vergangenen Tagen habe es bereits Gespräche über die Personalie Pierer mit der Spitze der IG Metall gegeben, sagte eine mit der Situation vertraute Person zur Nachrichtenagentur Reuters. Pierer sagte zu seinem Rücktritt, der zu diesem Zeitpunkt im Unternehmen für viele überraschend kam: "Ich habe immer die Überzeugung vertreten, dass die Pflicht gegenüber dem Unternehmen und seinen weit mehr als 400.000 Mitarbeitern in aller Welt Vorrang vor eigenen Interessen haben muss."

Cromme schon im Aufsichtsrat
Pierer stellt sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender mit Beginn der Aufsichtsratssitzung am kommenden Mittwoch zur Verfügung. Pierers designierter Nachfolger Cromme leitet im Siemens-Aufsichtsrat bisher den Prüfungsausschuss, der die Korruptionsaffären des Konzerns aufarbeiten soll. Zudem ist Cromme Beauftragter des Corporate-Governance-Rates der deutschen Regierung. Das Gremium legt die freiwilligen Grundregeln für vorbildliche Unternehmensführung in Deutschland fest.

Offizielle Wahl erst 2008
Cromme soll zunächst für den Rest der laufenden Amtsperiode bis zur Hauptversammlung der Siemens AG am 24. Jänner 2008 Vorsitzender des Aufsichtsrates sein. Dann wäre Pierers reguläre Amtszeit abgelaufen. Als Ersatzmitglied soll an Pierers Stelle Michael Mirow in den Aufsichtsrat von Siemens, dem größten Elektrokonzern Deutschlands, nachrücken. Mirow war bis 2002 in der Siemens-Zentrale für die strategische Unternehmensentwicklung zuständig. Auf der nächsten Hauptversammlung steht nach Ablauf von fünf Jahren turnusgemäß die Neuwahl aller Vertreter der Anteilseigner des Aufsichtsrats auf der Tagesordnung.

"Schwarze Kassen"
Das System schwarzer Kassen bei Siemens, das derzeit die Justiz beschäftigt, war in Pierers Zeit als Vorstandsvorsitzender aufgebaut worden. Pierer hatte stets betont, dass er keine Kenntnis von den möglichen illegalen Vorgängen hatte und als Vorstandschef weit weg gewesen sei vom operativen Geschäft. Zuletzt war wegen möglicher Schmiergeldzahlungen an den Gründer der Arbeitnehmerorganisation AUB der Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer verhaftet worden. Dadurch verschärfte sich die Krise bei Siemens. Auch aus dem Aufsichtsrat wurden Stimmen laut, die Pierer zum Rücktritt drängten.

Bei Siemens sind in den vergangenen Jahren bis zu 420 Millionen Euro in schwarzen Kassen verschwunden und möglicherweise im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden. Zu den Beschuldigten zählt unter anderem auch der frühere Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, der ein enger Vertrauter Pierers war. (apa)

20.4.2007 09:49