Freitag, 20. April 2007

Unabhängige Kommission soll US-Massaker
untersuchen: Lehren für Zukunft ziehen

  • Fragen: "Wer wurde gewarnt? Was wurde getan?"

Eine unabhängige Kommission soll die Hintergründe des Massakers von Blacksburg aufklären und daraus Lehren für die Zukunft ziehen. Dies kündigte der Gouverneur des US-Bundesstaats Virginia, Timothy Kaine, an. Die Polizei kritisierte die weltweite Ausstrahlung des Videos des Amokschützen: Die Bilder seien verstörend und vor allem für die Angehörigen der Opfer eine Belastung, sagte Steve Flaherty, Sprecher der Polizei von Virginia, die die Ermittlungen im Fall des Amoklaufes des aus Südkorea stammenden Studenten Cho Seung-hi (Cho Seung Hui) an einer Technischen Hochschule mit insgesamt 33 Toten leitet.

Die Kommission soll von dem ehemaligen Polizeichef Virginias, Gerald Massengill, geleitet werden. Neben dem früheren Minister für Heimatschutz, Tom Ridge, werden an der Untersuchung auch Bildungs- und Polizeiexperten sowie Psychologen und Juristen beteiligt. "Wer wurde gewarnt? Was wurde getan? Wie konnte der Täter die Waffen kaufen? Wo lernte er, sie zu benutzen?", sagte Kaine. Alle diese Fragen müssten geklärt werden. Die Fachleute sollten eine "durchdachte, objektive Analyse" der Ereignisse erstellen.

"Wir sind enttäuscht", sagte Polizeichef Flaherty in Blacksburg zur Ausstrahlung von Teilen des Videos des Todesschützen. Auch viele Studenten äußerten sich schockiert. "Es war wie ein Schlag ins Gesicht", zitierte die "Washington Post" die 19-jährige Kristin Fleming-Dahl. Auch Medien-Experten äußerten Kritik. Aus Verärgerung über die Ausstrahlung sagten einige Angehörige der Opfer ihre Teilnahme an der Morgensendung der Fernsehanstalt NBC ab, wie die Moderatorin der Sendung, Meredith Vieira, mitteilte.

NBC-Präsident Steve Capus verteidigte die Entscheidung zur Ausstrahlung der Bilder und betonte, es sei nur ein Teil des Materials gezeigt worden. "Wir sind davon ausgegangen, dass wir dem Denken eines Mörders selten so nahe kommen wie hier und dass es deswegen veröffentlicht werden muss." Capus' Angaben zufolge war die Entscheidung in der Redaktion des Senders umstritten. Dass die Aufnahme weltweit von fast allen Medien gleichfalls publiziert worden sei, sei ein Beleg für die Richtigkeit der NBC-Entscheidung.

Der Amokläufer Cho hatte ein Paket mit einem Video und wirren Angaben zu seinen Motiven an NBC verschickt. NBC hatte die Aufnahme ausgestrahlt. Sie zeigt den Todesschützen offenbar mit den Waffen, die er bei seinem Massaker benutzt hat, und wie er bedrohliche Posen einnimmt. Zudem veröffentlichte der Sender Teile eines hasserfüllten Pamphlets, das dem Video beilag. Darin äußert der 23-Jährige unter anderem Hass gegen Reiche und erklärt, das Blutbad in der Technischen Universität wäre vermeidbar gewesen. Die Polizei vermutet, dass der Todesschütze noch am Montagmorgen vor dem Massaker an der Botschaft arbeitete.

Medizinische Experten sagten, Cho zeige in dem Video und "Manifest" typische Zeichen einer schweren Psychose und eines Realitätsverlustes. Es gebe erschreckende Einblicke in den "Geist eines Massenmörders", sagte Psychologe Todd Cox dem Sender CNN. Vor kurzem war bekannt geworden, dass Cho Ende 2005 von einem Sonderrichter des Staates Virginia zur Begutachtung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. CNN zitierte aus einem Gerichtspapier, in dem es heißt, Cho stelle eine Gefahr für sich selbst dar. Aufgeführt wird ferner die Feststellung eines Experten, der zufolge der junge Mann auch eine Gefahr für andere sei. Wie US-Medien berichteten, wurde Cho dann aber nach nur einem Tag wieder aus der Klinik entlassen.

(apa/red)

20.4.2007 14:44