Dienstag, 17. April 2007

'Cobra'-Experten stehen vor Rätsel: US- Massaker hatte 'absolut untypischen Verlauf'

  • Spekulationen über langen Zeitraum zwischen Taten

Das Massaker an der Virginia Tech University in den USA mit 33 Toten stellt auch die Spezialeinsatzkräfte der Anti-Terror-Einheit Cobra vor Rätsel. Einen "absolut untypischen Verlauf" der Bluttat konstatierten Cobra-Chef Bernhard Treibenreif und sein Stellvertreter Walter Weninger. "Statistisch gesehen sind Amok-Lagen in über 90 Prozent der Fälle innerhalb der ersten fünf Minuten beendet", sagte Weninger.

Warum in diesem Fall der Täter rund zwei Stunden zwischen dem ersten und dem zweiten Teil seines Verbrechens vergehen ließ, darüber könne man nur spekulieren. "Ich denke, dass der Täter inne gehalten und erkannt hat, dass er sich in einer ausweglosen Lage befindet", so Weninger.

In dieser Situation dürfte es zwei Möglichkeiten gegeben haben: Entweder der Mann begeht Selbstmord. Oder er verschafft sich einen "spektakulären Abgang", was zu dem Massaker mit anschließendem Suizid geführt haben könnte. Auch Weninger hält diese Schlüsse für durchaus denkbar.

Warum der Campus nach den ersten Schüssen nicht evakuiert wurde, wollte der Cobra-Chef nicht aus der Ferne beurteilen. "Das wäre natürlich schlaumeierisch." Weninger wies in dem Zusammenhang auf die Dimension der Universität in Virginia mit rund 25.000 dort tätigen Personen hin.

In Österreich gibt es für solche Amokläufe ein "standardisiertes Verfahren", sagte Treibenreif. Das beginnt beim Einsatztraining: Jeder Exekutivbeamte in Österreich muss zumindest drei Tage davon pro Jahr absolvieren. Das umfasse unter anderem Schießübungen und taktische Schulungen. "Da sind aber auch die Erfahrungen aus Thüringen eingeflossen", betonte der Cobra-Chef. Im April 2002 starben bei einem Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium in Thüringen inklusive des Täters 17 Menschen.

"Das oberste Gebot ist rasches Vorgehen. Die Zeit spielt eine große Rolle", sagte Weninger. Die Einsatzkräfte müssen dabei nach drei Grundsätzen in dieser Reihenfolge handeln: "Erstens: Sich einen Überblick verschaffen. Zweitens: Wissen, wo der Täter ist. Drittens: Seiner habhaft werden", erläuterte Treibenreif. Der Aktionsraum sei dabei nach Möglichkeit zu evakuieren. Geht das nicht, muss man den Personen in einem gefährdeten Gebäude sagen, dass sie sich in Zimmern verbarrikadieren sollen, bis sie von Einsatzkräften wieder angesprochen werden.

Dann muss man in möglichst kurzer Zeit den Täter lokalisieren. Dass die Polizisten dabei ein großes Risiko auf sich nehmen, ist Teil des Jobs, sagte Weninger. Im Falle Erfurts waren das zwei Dreierteams des Spezialkommandos Thüringen. In Wien könnten rund 30 Beamte innerhalb einer Viertelstunde am jeweiligen Einsatzort sein.

17.4.2007 12:49