Wir tun das eine und denken dabei an das andere - Wieso unsere Gedanken wandern
- Tödlich: Gedankenlosigkeit kann gefährlich werden
- Wandernde Gedanken überraschen das eigene Gehirn

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Das Phänomen ist so alltäglich, dass es über Jahrzehnte keine Beachtung fand. Erst in jüngster Zeit beschäftigen sich Wissenschafter mit abschweifenden Gedanken. Erkenntnisse zu dem Thema könnten es eines Tages Schülern und Studenten erleichtern, sich auf Lehrbücher und Vorlesungen besser zu konzentrieren. Autofahrer könnten es leichter haben, auf den Verkehr zu achten. Auch Menschen mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) könnten davon profitieren. Denn bei ihnen führt die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, zu Problemen in vielen Lebensbereichen.
Grundsätzlich sind abschweifende Gedanken nach Ansicht von Forschern ein viel zu gängiges Phänomen, als dass man es ignorieren könne. Dies belegt auch eine Studie der Universität von North Carolina in Greensboro. Dort untersuchte der Psychologe Michael Kane eine Woche lang acht Mal täglich, woran Studenten gerade dachten. Resultat: Fast ein Drittel der Zeit waren die Teilnehmer gedanklich nicht bei den Tätigkeiten, die sie gerade verrichteten. Dabei waren die individuellen Unterschiede gravierend: Manche Studenten waren 80 bis 90 Prozent der Zeit geistig abwesend. Nur einer der insgesamt 126 Personen gab an, stets bei der Sache gewesen zu sein.
Tragischer Tod durch Gedankenlosigkeit
Auch frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen im Alltag etwa 30 bis 40 Prozent ihrer Zeit gedanklich abschweifen. "Wenn man das mentale Leben der Menschen verstehen will, sollte man über dieses Phänomen nachdenken", sagt Kane. Oft sind abschweifende Gedanken harmlos. Man kann etwa über ein Problem brüten, während man ein Käsebrot kaut. Aber manchmal entfernt sich die Aufmerksamkeit auch von Dingen, auf die man unbedingt achten sollte, und das kann tragische Konsequenzen haben: Etwa im Fall jenes College-Lehrers, der an einem heißen August-Tag im kalifornischen Irvine mit dem Auto zur Arbeit fuhrt, parkte und in sein Büro ging. Woran er auch immer dachte, er vergaß völlig, dass er seinen zehn Monate alten Sohn auf dem Rücksitz gelassen hatte. Das Kind starb in der Hitze. Solche Fälle kommen häufiger vor.
Gedanken wandern unmerklich
Lesen ist eine Beschäftigung, die eigentlich Konzentration verlangt. Aber auch hier schweifen die Gedanken 15 bis 20 Prozent der Zeit ab, wie Jonathan Schooler von der Universität Vancouver betont. Und oft bemerken die Menschen dies nicht einmal. Schooler ließ College-Studenten etwa Passagen aus dem Buch "Krieg und Frieden" lesen. Immer wenn die Teilnehmer bemerkten, dass ihr Geist abdriftete, sollten sie einen Knopf drücken. Das geschah zwar häufig, aber überraschender war ein anderes Resultat: Wenn Schooler die Studenten plötzlich unterbrach und fragte, woran sie gerade dachten, erwischte er sie regelmäßig geistesabwesend, bevor sie es selbst bemerkt hatten.
Leben braucht keine 100 % Aufmerksamkeit
"Die Gedanken versuchen ständig abzuschweifen", bilanziert Schooler. "Sie nutzen jede Gelegenheit." Nach seiner Ansicht geht es nicht nur darum, eine Aufgabe zu erledigen, auf die wir uns gerade konzentrieren, sondern auch um persönliche Anliegen, die nicht unmittelbar bewusst sind. Die Wissenschafter beschäftigt noch eine weitere Frage: Was ist der eigentliche Sinn dieser Fähigkeit des Gehirns? "Abschweifende Gedanken sind wahrscheinlich öfter hilfreich als gefährlich", sagt Kane. Es gebe zwar Ausnahmen, aber meist benötige das Leben nicht die volle Aufmerksamkeit. "Ein großer Teil des täglichen Lebens läuft per Autopilot", erläutert er. "Wir können vieles tun, ohne darüber nachzudenken, vom Essen bis zum Autofahren. Damit kommen wir insgesamt ganz gut durch den Tag." (APA/red)
