Montag, 30. April 2007

Fels splittert, Gletscher und Wald sterben: Temperaturanstieg stürzt Alpen in Klimafalle

  • NEWS: Neue Studie über Gefahren des Klimawandels
  • "Mediterranisierung": Gebirge geht der "Kitt" verloren

Vor vier Jahren war die Mauer errichtet worden - als Betonbollwerk gegen den Hang, zum Schutz für das Hotel Tauernkönig in Obertauern. Sie hielt nicht lange: Am Ostersonntag um fünf Uhr früh gab die Stützwand dem massiven Druck der Schnee-und Gesteinsmassen nach und stürzte in das Gebäude. Wie durch ein Wunder wurden "nur" sechs Personen verletzt.

Von Baumängeln ist die Rede, und die Salzburger Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet. Doch der Vorfall illustriert, wie dramatisch sich die Situation in den Alpen derzeit zuspitzt, wie viel mehr Druck besiedelte Zonen aushalten müssen. Das auf fast 1.800 Meter Höhe gelegene Obertauern befindet sich in jener Zone, die am meisten vom fortschreitenden Klimawandel betroffen ist. Denn aufgrund der immer höheren Temperaturen wächst die Gefahr von Hangrutschungen und Murenabgängen - die Alpen zerbröseln vor unseren Augen.

Alpen im Klimastress
Auch im zweiten Teilbericht des Welt-Klimarates IPCC wurde die Alpenregion unter jenen Gebieten der Erde aufgelistet, die zu den Hochrisikozonen der Erderwärmung zählen. Hintergrund: Während die weltweiten Durchschnittstemperaturen in den vergangenen 100 Jahren um 0,8 Grad Celsius gestiegen sind, werden in den Bergen bereits Temperaturen gemessen, die 1,8 Grad über dem Schnitt liegen. Dabei spielen mehrere Faktoren zusammen: Zum einen erwärmt sich die Erde in nördlichen Breitengraden schneller, dazu kommt steigende Trockenheit, und die natürliche Klimaanlage durch die Verdunstung funktioniert immer schlechter.

Je kräftiger die Erderwärmung fortschreitet, desto dramatischer wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Bis 2050 könnte es in unseren Bergen im Sommer bereits um drei Grad wärmer sein als noch vor hundert Jahren. Mit katastrophalen Folgen: Dadurch schmelzen nicht nur die Gletscher wie Eiscreme in der Sommerhitze - Experten befürchten bereits, dass ab 2050 die österreichischen Eiszungen gänzlich verschwunden sein könnten -, auch die Berge verlieren ihren Halt. Denn die Zonen des dauerhaft gefrorenen Bodens wandern sukzessiv nach oben. Derzeit liegt die sogenannte Permafrostgrenze bei 2.500 Metern, mit jedem Grad mehr steigt sie um 150 Meter.

Den Bergen fehlt der Kitt
Das in den Böden gespeicherte Eis ist aber der Kitt der Berge, wo durch Kälte Geröll, aber auch riesige Felsen gebunden sind. Taut es im Hochgebirge, zerbröselt der Fels. Dramatische Beispiele aus der Schweiz beweisen, dass die Folgen längst massiv eingesetzt haben: Im Mai des Vorjahres donnerten bei einem Felssturz im Kanton Uri Granitblöcke mit einem Gewicht von bis zu 125 Tonnen auf die Autobahn nahe des St.-Gotthard-Tunnels, ein deutsches Urlauberpaar wurde in seinem Auto getötet. Nur wenige Monate später, mitten im Hochsommer, folgte der nächste katastrophale "Fall": An der Ostfront des Eiger stürzten 700.000 Kubikmeter Felsen in die Tiefe.

Ein weiteres Problem im Alpenraum ist die saisonale Verlagerung der Niederschläge: Um ein Viertel weniger im Sommer, um ein Viertel mehr im Winter setzt vor allem den Schutzwäldern gravierend zu. Dadurch fehlt das Wasser in jenen Zeiten, in denen die Bäume es für ihr Wachstum brauchen würden. Weiters hat sich die Vegetationszeit durch die höheren Temperaturen um zehn Tage verlängert, was dazu führt, dass in den regenärmeren Sommern noch mehr Wasser verdunstet: Das Resultat ist Trockenheit.

Mediterranes Klima
Eine "Mediterranisierung" unserer Waldzonen erwarten die Österreichischen Bundesforste. "Auf jeden Fall werden unsere Wälder 2050 anders aussehen als heute", so Sprecher Bernhard Schragel: "Den Fichten, die 70 Prozent des österreichischen Waldbestandes stellen, wird die Situation sehr zusetzen, da sie als Flachwurzler Trockenheit sehr schlecht vertragen. Wir setzen in niedrigeren Regionen auf Laubwälder und in höheren Lagen auf die windbeständigeren Lärchen und Zirben." Das Baumsterben in höheren Regionen verstärkt den Effekt des zerbröselnden Gebirges zusätzlich: Nicht nur Trockenheit droht den Schutzwald zu zerstören, sondern auch Schädlinge wie der Borkenkäfer. Früher war dieser Baumfresser bis 1.000 Meter aktiv, heute setzt er dem Wald schon bis 1.300 Meter zu.

Laut einer ganz aktuellen Studie der Boku-Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes "StartClim", dessen Ergebnisse NEWS vorliegen, müssen wir uns auf massive Veränderungen einstellen. Als ersten Schritt untersuchte Kromp-Kolb die Folgen für die Bundeshauptstadt Wien: Bis 2050 werden demnach die Hitzetage von durchschnittlich zwölf auf 18 pro Jahr steigen, bis 2100 sogar auf bis zu 38 Tage. "Basierend auf den Erfahrungen aus dem Hitzesommer 2003, muss man an solchen Tagen mit einer um zehn Prozent erhöhten Sterblichkeit rechnen", so Kromp-Kolb. Dadurch werden, für Wien gerechnet, die durch Hitze bedingten Todesfälle von derzeit zirka 50 auf das Vierfache, auf bis zu 200, ansteigen.

Die gesamte Story zur Klima-Gefahr finden Sie im aktuellen NEWS!

30.4.2007 11:37