Franzosen durch inflationäre Umfragen verwirrt: 40 Prozent noch unentschlossen
- Täglich publizierte Erhebungen wenig aussagekräftig
- Politologe: "Programme unterscheiden sich zu wenig"
·Duell Sarkozy - Royal hat offiziell begonnen
F: Kandidaten dürfen um Präsidentenamt werben
·F: Sarkozy-Sager löst
Empörungs-Welle aus
Vorherbestimmung wird zum Wahlkampf-Thema
·F: Noch keine Spur von "Rien ne va plus"
Offenes Rennen zwischen
Royal, Sarkozy & Bayrou
·Sarkozy: "Du bist ein unloyaler Drecksack"
Parteichef soll Begag via Telefon beschimpft haben
·Sarkozy ein 'Lügner'
und niederträchtig
Schlammschlacht knapp vor der Frankreich-Wahl
·Frankreich: Zuwachs bei Wahlberechtigten
Interesse am politischen Geschehen ist gestiegen
·Frankreich-Wahlen:
Armut ist Topthema
Die Partei-Strategien für Bekämpfung der Armut
·F: Sarkozy will 'Joint'
entkriminalisieren!
Keine Legalisierung, aber Gesetz sei "lächerlich"

Wird Jean-Marie Le Pen, der 78-jährige Chef der rechtsextremen "Nationalen Front" (FN), wie vor fünf Jahren in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft einziehen? Oder wird der zentrumsbürgerliche UDF-Kandidat Francois Bayrou die Sozialistin Ségolène Royal (PS) aus dem Rennen werfen? Elf Tage vor der ersten Wahlrunde am 22. April kann kein Meinungsforscher in Frankreich darauf eine Antwort geben, der Endspurt um den Einzug in den Pariser Élysée-Palast scheint völlig offen.
In Umfragen behauptet der Chef der bürgerlich-konservativen Mehrheitspartei UMP, Ex-Innenminister Nicolas Sarkozy, einen Vorsprung von etwa fünf Punkten vor Royal, der Präsidentin der Atlantikregion Poitou-Charentes und früheren Familien- und Umweltministerin. Ex-Erziehungsminister Bayrou, der zu Jahresbeginn noch unter zehn Prozent gelegen war, hat fast gegenüber der Sozialistin aufgeschlossen. Doch die täglich veröffentlichten Erhebungen sind wenig aussagekräftig: 40 Prozent der Franzosen haben sich noch auf keinen der Kandidaten festgelegt.
Programme unterscheiden sich zu wenig
"Die Programme unterscheiden sich zu wenig voneinander", erklärt der Politologe Jérome Fourquet vom Institut IFOP. Die Favoriten würden sich bei zentralen Themen oft "neutralisieren". Zudem blieben viele Anhänger Royals zurückhaltend, weil Bayrou in manchen Umfragen für eine Stichwahl gegen Sarkozy bessere Chancen eingeräumt werden. Anders als 2002, als die innere Sicherheit den Wahlkampf dominierte, fehlt diesmal ein beherrschendes Thema. Jedes zufällige Ereignis - wie jüngst Jugendkrawalle bei einer Pariser Metrostation oder Sarkozys spontane Äußerung zu genetischer Vorherbestimmung - jede Schlagzeile kann zu hektischen Reaktionen führen. Arbeitsplätze, Wohnungsnot, Umwelt, die Airbus-Krise, nationale Identität: Alle Themen wurden schon gestreift und dann wieder fallen gelassen. "Wahlkampf-Zapping" ist das Phänomen getauft worden. "Die Kandidaten sind wie Flipperkugeln, die scheinbar willkürlich umherschießen", beschwerte sich ein Leser der konservativen Tageszeitung "Le Figaro".
Bayrou "Schuld" an Unübersichtlichkeit
Die Unübersichtlichkeit ist nicht zuletzt auf den unerwarteten Umfrage-Aufstieg von Bayrou zurückzuführen. Mit seiner Idee einer Konsensregierung hat der zum bürgerlichen Lager gehörende UDF-Chef viele Wähler für sich gewonnen, die nach 25 Jahren unter einem sozialistischen und einem neogaullistischen Präsidenten einen Aufbruch zu neuen Ufern herbeisehnen. Während der Wahltag näher rückt, scheinen Rechte und Linke die gewohnten Fronten wieder herstellen zu wollen: Sarkozy hat nach den jüngsten Jugendkrawallen das Thema innere Sicherheit wieder besetzt und seine restriktive Haltung in der Einwanderungspolitik bekräftigt. Royal sorgte mit Solidaritätsauftritten bei streikenden Arbeitern und scharfen Attacken gegen "gefräßige Banken" für Applaus links der Mitte. Doch ihre Bemühungen, das Soziale zum dominierenden Wahlkampfthema zu machen, scheiterten mangels Aufmerksamkeit.
Schwierige Lage für Royal
Für Royal ist die Lage doppelt schwierig: Durch "Ausflüge" nach rechts verprellt sie die traditionelle PS-Klientel. Doch das Wählerpotenzial der Linken ist mit knapp 37 Prozent auf das niedrigste Niveau seit 1969 gesunken. Am anderen Ende des politischen Spektrums erreicht FN-Chef Le Pen in Umfragen inzwischen bis zu 16 Prozent, das sind mehr als 2002. Damals schockte er Frankreich, als er mehr Stimmen als der sozialistische Premier Lionel Jospin erhielt und in die Stichwahl gegen Amtsinhaber Jacques Chirac (UMP) einziehen konnte. Zwar kopiert Sarkozy teilweise Le Pens Programm, etwa, indem er ein "Ministerium für Einwanderung und nationale Identität" vorschlägt. "Le Pens Ergebnis kann trotzdem höher als in den Umfragen liegen", sagt Politologe Fourquet. "Ihn zu wählen ist längst kein Tabu mehr, viele seiner Positionen vom Einwanderungsstopp bis zur Europafeindlichkeit sind fast gesellschaftsfähig geworden."
(apa/red)
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