Hoher Blutzoll bei Kämpfen in Bagdad: Viele Tote und Verletzte in irakischer Hauptstadt
- Schwerste Auseinandersetzungen seit Monaten
- Radikale Schiiten drohen mit Regierungsaustritt
Bei den schwersten Kämpfen seit Beginn der US-Offensive in der irakischen Hauptstadt Bagdad vor zwei Monaten sind nach amerikanischen Angaben 20 Aufständische getötet und 30 verletzt worden. In den eigenen Reihen seien 15 Soldaten verletzt worden, teilte ein US-Militärsprecher mit. Die Bewegung des radikalen Schiitenpredigers Muktada al-Sadr hat mit dem Austritt aus der Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki gedroht. Die humanitäre Lage im Irak verschlechtert sich kontinuierlich. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) forderte am Mittwoch in Genf "dringliche Maßnahmen", um die Zivilbevölkerung besser schützen zu können.
Auslöser der Kämpfe im sunnitischen Stadtteil Fadhil sei ein Angriff während einer Razzia am Dienstag gewesen, erklärten die US-Streitkräfte. Danach wurden Kampfhubschrauber eingesetzt, die Rebellen wurden aus der Luft mit Maschinengewehren beschossen. Im Kreuzfeuer kamen mindestens fünf Bewohner ums Leben.
"Das Leiden der irakischen Bevölkerung ist unerträglich und inakzeptabel", sagte Pierre Krähenbühl, IKRK-Direktor für operationelle Einsätze, am Mittwoch auf einer Medienkonferenz in Genf. Er forderte alle einflussreichen Kräfte auf, sofort zu handeln. Durch die Gewalt wurden innerhalb eines Jahres über 600.000 Personen aus ihren Wohnorten vertrieben. Das Gesundheitswesen ist laut einem IKRK-Bericht zusammengebrochen. Viele Ärzte, Pfleger und Patienten getrauten sich wegen der zahlreichen Anschläge nicht mehr, die Spitäler aufzusuchen. Auch die Wasser- und Stromversorgung funktioniert schlecht. Sicherheitsbedenken behindern die Unterhalts- und Instandsetzungsarbeiten.
Die sunnitische Vereinigung Muslimischer Geistlicher erklärte am Mittwoch unter Berufung von Augenzeugen, dass irakische Soldaten in eine Moschee eingedrungen und zwei junge Männer vor den Augen von Gläubigen erschossen hätten. Danach seien Bodentruppen mit Tränengas gegen die Bewohner des Stadtteils vorgegangen. "Die Vereinigung verurteilt dieses abscheuliche Verbrechen, das von den Besatzern und der Regierung verübt wurde", erklärte die Organisation.
Einige Häuserblocks vom Zentrum der Kämpfe entfernt schlug eine Rakete in einen Schulhof ein. Dabei wurde ein sechsjähriger Bub getötet. Aufnahmen des Fernsehnachrichtendienstes APTN zeigten Rucksäcke und Bücher von Schülern auf den Tischen eines Klassenzimmers, die mit Glassplittern und Trümmern übersät waren. Auf dem Boden war Blut zu sehen. Nach Polizeiangaben wurden bei dem Einschlag einer Katjuscha-Rakete mindestens 15 Schüler und zwei Lehrer verletzt.
Die Bewegung des Schiitenführers al-Sadr, deren Miliz "Mahdi-Armee" in der benachteiligten Schiitenbevölkerung Rückhalt hat, verfügt über mehrere Ministerposten und ein Viertel der Parlamentssitze in der Schiiten-Allianz, die die stärkste Fraktion stellt. In einer Erklärung unterstrichen die Anhänger al-Sadrs, die Regierung ignoriere den Willen der Bevölkerung. "Deshalb zieht die Sadr-Bewegung die Möglichkeit eines Rückzugs aus der Regierung in Erwägung", hieß es weiter. Zehntausende Iraker hatten auf Sadrs Aufruf reagiert, am vergangenen Montag in der heiligen schiitischen Stadt Najaf für den Abzug von 140.000 Soldaten unter US-Führung zu demonstrieren. US-Präsident George W. Bush entgegnete am Dienstag, dass ein solcher Zeitplan den irakisch-amerikanischen Sicherheitsplan für Badgad unterlaufen würde. Dieser würde gerade eben beginnen, Früchte zu tragen und die religiöse motivierte Gewalt zu mindern. Regierungschef Maliki erklärte während seines Tokio-Besuches, dass er ebenso wenig Anlass für einen Zeitplan sehe. Seine Regierung würde so schnell wie möglich irakische Sicherheitskräfte aufbauen, so dass die US-Einheiten das Land bald verlassen könnten.
(apa/red)
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