Interview-Verbot für britische Soldaten: Verteidigungsminister widerruft Erlaubnis!
- Turney kassierte 150.000 Euro für zwei Interviews
- Kritik: "Aus militärischem Desaster Profit schlagen"
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Großbritannien hat im Streit um die Vermarktung der Erlebnisse von 15 zeitweise im Iran festgehaltenen Soldaten einen Rückzieher gemacht. Nachdem am Wochenende erste marktschreierische Exklusiv-Geschichten zweier Seeleute an Boulevard-Medien verkauft worden waren und dies einen Proteststurm ausgelöst hatte, zog Verteidigungsminister Des Browne seine ursprünglich erteilte Erlaubnis dafür zurück.
Den übrigen Marine-Soldaten sei die Veräußerung ihrer Geschichten untersagt, hieß es in einer Erklärung. Politiker, Verteidigungsexperten und ehemalige Kommandanten hatten kritisiert, die Vermarktung der Erlebnisse bringe Schande über das Militär. Die Regierung nutze die Soldaten in einer Propaganda-Schlacht aus und verhalte sich damit kaum besser als der Iran.
Ausnahme wegen "besonderer Umstände"
Eigentlich dürfen britische Soldaten ihre Erlebnisse in den Medien ohnehin nicht zu Geld machen. Das Verteidigungsministerium hatte diese Regel aber ausnahmsweise aufgehoben und auf "besondere Umstände" und großes öffentliches Interesse verwiesen. Am Ostermontag gab es dann prompt erste Exklusiv-Geschichten in den Medien. Darin erklärte die Soldatin Faye Turney, die Iraner hätten gesagt, eventuell sehe sie ihre dreijährige Tochter nicht mehr wieder. Auch habe sie Angst vor Vergewaltigung gehabt und gehört, wie ihr Sarg gezimmert wurde. "Eines Morgens hörte ich, wie nahe meiner Zelle Holz gesägt und Nägel eingeschlagen wurden", sagte sie der Boulevardzeitung "Sun". Eine Frau habe sie von oben bis unten vermessen. "Ich war überzeugt, sie fertigen meinen Sarg an."
150.000 Euro für zwei Interviews
Turneys Gesicht gehört derzeit zu den bekanntesten auf der Insel, nachdem das iranische Fernsehen mehrfach Aufnahmen von ihr in Gefangenschaft veröffentlicht hatte - mit Kopftuch und Zigarette. Einem Medienbericht zufolge kassierte die 25-Jährige für zwei Interviews etwa 150.000 Euro - das Vierfache ihres Jahresverdienstes. Von großer Angst und Erniedrigung berichtete auch der 20-jährige Arthur Batchelor. Er habe in seiner Zelle geschrien wie ein Baby, nachdem ihm die Augen verbunden worden seien, sagte er dem "Daily Mirror". Auch einige der anderen Soldaten hatten in den Medien ihre Version der Ereignisse geschildert, dafür aber kein Geld erhalten.
Treffen mit Ahmadinejad
Turney und Batchelor hingegen wurde vorgeworfen, sich wie TV-Stars zu verhalten. Turney schilderte auch ihre Begegnung mit dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad bei der Verabschiedung in Teheran. Sie habe ihn als "oberflächlich" empfunden.
Er habe gefragt, wie es ihrer Tochter gehe und sie habe geantwortet: "Das weiß ich nicht, Herr Präsident, ich habe sie seit 13 Tagen nicht gesehen, wenn Sie sich erinnern." Er habe geantwortet: "Hat man Ihnen denn kein Telefongespräch mit ihr erlaubt?" Die 26-Jährige will geantwortet haben: "Nein, ganz sicher nicht." Doch die Puppe, die sie als Abschiedsgeschenk in Teheran erhielt, wolle sie behalten.
Verbot gilt rückwirkend
Das Verbot, das Browne erst am Abend des Ostermontags verhängte, da die Erlaubnis "kein zufriedenstellendes Ergebnis" erbrachte, gilt nicht rückwirkend und hinderte daher das Boulevardblatt "Sun" nicht an der Veröffentlichung von Teil zwei ihres Interviews mit Turney. Diesmal ging es um die tränenreiche Wiedervereinigung Turneys mit ihrer Familie. Der Labour-Abgeordnete und ehemalige Verteidigungsminister Peter Kilfoyle verurteilte in der BBC das "schreckliche Durcheinander", das die Ausnahme-Genehmigung ausgelöst habe. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie man diese Art von Dingen ursprünglich einmal akzeptabel finden konnte", sagte Kilfoyle.
Scharfe Kritik von allen Seiten
Überaus scharfe Kritik am Verteidigungsministerium kam auch aus der Opposition und dem Militär. "Ich bin entsetzt, dass das Verteidigungsministerium die Soldaten unterstützt, aus einem militärischen Desaster noch Profit zu schlagen", sagte etwa der Ex-Kommandant der britischen Friedenstruppen in Bosnien, Oberst Bob Stewart. Neben Angehörigen von im Irak umgekommenen Soldaten hatten sich hohe Offiziere empört über den "würdelosen" Verkauf der Interviews. Konservative Abgeordnete kündigten ein Nachspiel an - es solle eine parlamentarische Untersuchung geben. Die Tories erneuerten ihre Kritik an dem ursprünglichen Freibrief des Verteidigungsministeriums für den Verkauf der Geschichten und bezeichneten den Rückzieher als zu spät.
Downing Street bemühte sich unterdessen um die Begrenzung des potenziellen Schadens für Premierminister Tony Blair. Die Erlaubnis für die hoch bezahlten Interviews habe allein die Marine gefällt, erklärte eine Sprecherin Blairs. Man müsse dabei anerkennen, dass die Entscheidung nicht einfach gewesen sei. Zudem müssten die Realitäten "in der Welt anerkennt werden, mit der wir es in Sachen Medien zu tun haben und auch die großen Geldsummen, die dabei involviert sind". Verteidigungsexperte Liam Fox von der Konservativen Partei erklärte, die Sache sei von der Regierung "auf erschreckende Weise" gehandhabt worden. Sie habe die Sympathie der Öffentlichkeit für die 15 Marineangehörigen verspielt.
Die Soldaten waren am 23. März vom Iran festgenommen worden, der ihnen vorwarf, in seine Hoheitsgewässer eingedrungen zu sein. Großbritannien hatte indessen erklärt, sie seien in Gewässern des Irak gewesen. Der Iran hielt die Soldaten 13 Tage in Haft und veröffentlichte in der Zeit auch Videos, in denen die Marine-Angehörigen die Vorwürfe einräumten. Am 4. April, vor Ostern, wurden sie überraschend in einer propagandistischen Aktion freigelassen. Die Soldaten erklärten hinterher, sie seien heftig unter Druck gesetzt worden und hätten deshalb falsche Geständnisse gemacht. (apa/red)
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