Freitag, 6. April 2007

UNO-Klimabericht prophezeit dramatische Folgen: Neusiedlersee könnte austrocknen!

  • 20 bis 30 % aller Arten sind von Auslöschung bedroht
  • Eklat: USA und China ließen Auswirkungen streichen

Zweiter Teil des UNO-Klimaberichts prophezeit dramatische Folgen. Durch die globale Erwärmung sind bis zu 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Auch Österreich ist betroffen: Sollte kein Umdenken erfolgen, könnte der Neusiedlersee bald austrocknen. Auf den Bericht hat sich der Weltklimarat (IPCC) erst nach tagelangem Ringen um einzelne Formulierungen geeinigt.

Die Verhandlungen in Brüssel über einzelne Passagen währten bis zur letzten Minute. Vor allem die USA, China und Saudi-Arabien meldeten Änderungswünsche an. Einige Wissenschafter kritisierten, der Bericht sei durch politische Einflussnahme verwässert worden.

Der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri sprach von einer "schwierigen Übung". Strittig waren während der Beratungen nach Angaben von Teilnehmern das Ausmaß der erwarteten Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten sowie die Frage, ob eine Schätzung zu den finanziellen Kosten der Klimakatastrophe in den Bericht aufgenommen werden soll. Einige Wissenschafter widersetzten sich den Änderungen, die Regierungsvertreter an dem Entwurf vornehmen wollten und kündigten an, sie wollten an einem weiteren Klimabericht nicht mehr mitarbeiten.

Trocknet der Neusiedlersee aus?
Der Neusiedlersee, beliebtes Naherholungsgebiet vieler Wiener, könnte schon bald austrocknen, so Experten. Im Alpenraum müsse man mit einem Rückgang des Niederschlags um 20 Prozent rechnen, während der Wasserbedarf weiter ansteige, erklärte Radunsky. Dies führe zu einem Versorgungsengpass, betroffen sei zwar nicht unbedingt Österreich, unter anderem müssten allerdings Spanien, Italien und Griechenland mit Problemen rechnen.

20 - 30% aller Arten von Auslöschung bedroht
In dem von Wissenschaftern erstellten Entwurf für den Bericht hieß es, dass etwa 20 bis 30 Prozent aller Arten von unumkehrbarer Auslöschung bedroht sind, wenn die globale Durchschnittstemperatur um 1,5 bis 2,5 Grad steigt. Diese Stelle sei bei den Beratungen für die Endfassung abgeschwächt worden, kritisierte Ian Burton vom Stockholmer Umweltinstitut, der an den Beratungen teilnahm.

Der IPCC-Report sei dennoch "ein sehr, sehr deutliches Signal" für die Regierungen, erklärte der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer. Hans Verolme von der Naturschutzorganisation WWF erklärte, auf die wissenschaftlichen Ergebnisse des Berichts müsse eine ähnlich dringende Antwort folgen. "Nichts zu tun ist keine Option", sagte Verolme. EU-Umweltkommissar Stavros Dimas sagte, die IPCC-Ergebnisse verstärkten die Entschlossenheit der Europäischen Union, die Emission von Treibhausgasen zu verringern.

Klimafolgen treffen die Ärmsten
Von den Folgen der globalen Erwärmung sind dem Weltklimarat zufolge Milliarden Menschen betroffen. Am dramatischsten sind die Auswirkungen demnach für Afrika, wo bis 2020 vermutlich bis zu 250 Millionen Menschen unter Wassermangel zu leiden haben. In einigen Ländern werden die Ernten um die Hälfte zurückgehen.

In Nordamerika drohen dem Bericht zufolge vermehrt tödliche Wirbelstürme, Überschwemmungen, Hitzwellen und Buschbrände mit enormen wirtschaftlichen Folgen. Asien ist ebenfalls von heftigen Überflutungen durch Gletscherschmelze bedroht.

Hohe Kosten drohen
Wie der österreichische Vertreter an der Sitzung, Klaus Radunsky vom Umweltbundesamt schilderte, drohen der Welt durch den Klimawandel und Naturkatastrophen hohe Kosten. In diesem Jahrhundert müssten global gesehen jährlich ein bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Schäden aufgebracht werden, sagte zur APA. Für Österreich würde dies rein rechnerisch Ausgaben von bis zu zehn Milliarden pro Jahr bedeuten.

Mit-Autor Osvaldo Canziani warnte vor der Ausbreitung von Malaria und anderen Fieberkrankheiten. "Wir müssen weniger verbrauchen, weniger Abfall produzieren und nachhaltiger leben", forderte er. Die Ressourcen der Erde seien begrenzt: "Wenn alle Menschen in der Welt etwa auf dem Niveau meines Landes - Argentiniens - leben wollten, bräuchten wir vier Mal die Erde." Über einzelne Passagen des Berichts, der bei Sitzungsende noch nicht vorlag, hatten die Delegationen eine Nachtsitzung lang gestritten.

Ausstoß von Treibhausgasen schuld
Der Anfang Februar in Paris vorgestellte erste Bericht stellt die Verantwortung des Menschen für die Erderwärmung so deutlich heraus wie kein Report zuvor: Als sehr wahrscheinliche Ursache des Temperaturanstiegs wird der von Menschen verursachte Ausstoß von Treibhausgasen genannt. Anders seien die Veränderungen in der Atmosphäre und den Weltmeeren sowie das Abschmelzen der Pole nicht zu erklären.

Pröll-Kritik an US-Blockadehaltung
Kritische Stimmen gab es auch aus Österreich: Umweltminister Josef Pröll kritisierte die "Blockadehaltung" der Vereinigten Staaten. "Es ist absolut nicht nachvollziehbar, dass die Regierung der USA selbst nach der Erfahrung des Hurricane Katrina nicht wahrhaben will, was offenkundig ist: die Erderwärmung findet statt und ihre Folgen sind dramatisch", so Pröll. Unverständnis riefen die Interventionen auch bei Greenpeace hervor: "Die Welt ist kein US-amerikanischer Hinterhof, in der sich die Öl- und Kohlelobby die wissenschaftliche Wahrheit zurechtrücken dürfen", meinte Klimaexperte Erwin Mayer. (apa/red)

6.4.2007 17:09