Freitag, 6. April 2007

Gedenkfeiern im ganzen Land: Vor genau 15 Jahren begann der blutige Bosnien-Krieg

  • Blutiger Konflikt forderte rund 100.000 Todesopfer
  • Kämpfe fanden erst im November 1995 ein Ende

Am 6. April 1992 wurde Bosnien-Herzegowina von den USA und einen Tag darauf auch von der Europäischen Gemeinschaft (EG) als unabhängiger Staat anerkannt. 99 Prozent der Wähler hatten sich vor 15 Jahren für die Unabhängigkeit ausgesprochen - die serbische Volksgruppe, die 31 Prozent der Bevölkerung in Bosnien ausmachte, hatte das Referendum großteils jedoch boykottiert. Schon wenige Tage nach der Anerkennung des neuen Staates am 6. April 1992 begannen in der Hauptstadt Sarajevo erste heftige Kämpfe. Sie dauerten bis November 1995.

Zwölf Jahre nach dem Krieg und über zehn Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton wird von den muslimischen Bosniaken, bosnischen Serben und bosnischen Kroaten der Kriegsbeginn jedoch weiterhin an unterschiedliche Daten festgemacht.

Serben sprechen vom 2. März 1992, als ein Bosniake in Sarajevo einen serbischen Hochzeitsgast ermordete. Tags darauf wurden erste Barrikaden errichtet. Bosniaken und Kroaten hingegen legen den Kriegsausbruch auf das Datum des 5. April, als zwei Teilnehmerinnen eines Friedensprotestes von Unbekannten erschossen wurden. Die Todesschüsse wurden vom Dach des Holiday Inn Hotels abgefeuert, in dem zu jenem Zeitpunkt die Serbische Demokratische Partei (SDS) von Radovan Karadzic ihren Sitz hatte.

Der damalige Präsident der selbstproklamierten "Republika Srpska" ist heute neben Ratko Mladic, dem ehemaligen Militärchef der bosnischen Serben, einer der meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Ihnen wird unter anderem die Verantwortung an dem Massaker an rund achttausend Bosniaken in der ostbosnischen Kleinstadt Srebrenica im Juli 1995 zur Last gelegt.

Die bosnisch-serbische Führung verhängte am 2. Mai 1992 über die bosniakisch-kroatischen Stadtteile Sarajevos offiziell eine Blockade und unterbrach die Wasser- und Stromversorgung. Kurz darauf übernahmen die neu entstandenen bosnisch-serbischen Truppen die - ursprünglich von den jugoslawischen Streitkräften in den Bergen rund um Sarajevo positionierten - Mörser und Panzer.

Die Blockade in der Hauptstadt sollte exakt 1.425 Tage dauern. Nur ein Tunnel nahe des städtischen Flughafens Butmir ermöglichte die Evakuierung der Verwundeten aus Sarajevo, aber auch Nahrungs- und Medikamentenlieferungen. Der Tunnel war 1993 errichtet worden.

Ersten heftigen Kämpfen in Sarajevo folgten zwischen dem 11. und dem 15. April 1992 auch Gefechte anderswo im Land. Den heftigsten Beschuss erlitt Sarajevo am 22. Juli 1993, als 3.777 Granaten auf die Stadt abgefeuert wurden. In der Hauptstadt starben zwischen 1992 und 1995 elftausend Personen, darunter 1.600 Kinder. Jüngsten Angaben zufolge kamen in drei Jahren Krieg insgesamt etwa 100.000 Menschen ums Leben, an die 13.000 Personen gelten weiterhin als vermisst.

Durch das Dayton-Friedensabkommen wurde Bosnien-Herzegowina ein Staat mit zwei Entitäten; die bosniakisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska. Die weit gehenden Befugnisse der jeweils eigenen Institutionen der beiden Landesteile haben allerdings die Funktionsfähigkeit des Gesamtstaates stark verringert. Seit gut zwei Jahren bemüht sich die internationale Staatengemeinschaft um eine Verfassungsreform, die die gesamtstaatlichen Institutionen des bosnischen Staats stärken soll. (APA/red)

6.4.2007 13:45