Donnerstag, 8. Mai 2008

"Deutscher Herbst" begann im Frühjahr '77:
Buback-Mord als Auftakt zu RAF-Terrorserie

  • 30 Jahre nach dem Attentat auf Generalbundesanwalt
  • Schockwelle erfasste die Bundesrepublik Deutschland
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Mit dem RAF-Mordanschlag auf den westdeutschen Generalbundesanwalts Siegfried Buback begann am 7. April 1977 der "Deutsche Herbst". Der Dreifachmord sollte aber erst der Auftakt zu einer beispiellosen Anschlagsserie in der deutschen Geschichte sein.

Die Terroristen kamen auf einer 750er Suzuki angefahren: Mitten in Karlsruhe halten sie am Gründonnerstag 1977 neben dem blauen Mercedes des westdeutschen Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Einer der beiden Männer zieht ein Gewehr und feuert aus nächster Nähe 15 Schüsse in den Wagen. Buback hat keine Chance. Der 57-Jährige stirbt wie sein Fahrer Wolfgang Göbel noch am Tatort. Der Justizbeamte Georg Wurster, der auf der Rückbank sitzt, erliegt eine Woche später seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Der Dreifachmord vom 7. April 1977 ist der Auftakt einer beispiellosen Anschlagsserie der Roten-Armee-Fraktion, die später der "Deutsche Herbst" genannt wird. Die Terroristen erreichen zunächst ihr Ziel: Die Schockwelle, die die Bundesrepublik Deutschland nach dem Mord erfasst, ist vergleichbar mit den Reaktionen nach dem 11. September 2001. Doch nach Ansicht vieler Experten ist das Jahr 1977 auch der Anfang vom Ende der RAF. Denn mit ihrer gnadenlosen Gewalt gegen viele Unbeteiligte verschreckt die Organisation auch zahlreiche Sympathisanten.

Mord aus Rache?
Zunächst geht es der RAF um Rache: Buback ist nicht nur ein herausragender Repräsentant der Bundesrepublik und damit ein Hauptfeind. Der lebensfrohe Jurist wird von der RAF auch gehasst, weil er ein erfolgreicher Ermittler ist, der unermüdlich vor den Gefahren des Terrorismus warnt. "Mein Vater war damals sehr ernst. Vielleicht ahnte er die drohende Gefahr", erinnert sich sein Sohn Michael.

Das Ziel der zweiten RAF-Generation ist auch, die inhaftierten Gesinnungsgenossen freizupressen. Dazu soll Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto entführt werden. Doch die Aktion misslingt. Ponto wird am 30. Juli in seiner Villa in Oberursel bei Frankfurt erschossen. Für die Tat werden später unter anderen die Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar verurteilt, der allein insgesamt neun Menschen erschießt und dafür anders als Mohnhaupt bis heute in Haft sitzt.

5. September: Schleyer entführt
Als nächstes Opfer wird Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer auserkoren: Am 5. September wird er in Köln entführt. Die Gruppe um Mohnhaupt tötet vier seiner Begleiter. Für die Freilassung Schleyers fordern die Terroristen die Entlassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern. Doch die BRD-Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) bleibt hart. Die Lage eskaliert.

Am 13. Oktober entführen palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" mit 86 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt. Ihre Forderung: die Freilassung der RAF-Terroristen. Eine Odyssee beginnt, bei der Kapitän Jürgen Schumann von den Terroristen bei einem Zwischenstopp in Aden erschossen wird.

Am 17. Oktober landet die "Landshut" in Mogadischu (Somalia), und am Tag darauf befreit die nach den bitteren Erfahrungen des Münchner Olympia-Attentats von 1972 für solche Fälle neu gegründete Elite-Einheit des Bundesgrenzschutzes, GSG 9, die Passagiere im Handstreich. In der folgenden Nacht begehen die Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Am nächsten Tag wird die Leiche Schleyers im Kofferraum eines Audi 100 in Mülhausen im Elsass gefunden. Der Deutsche Herbst erlebt seinen tragischen Höhepunkt.

"Offensive 77" gescheitert
Mit dem Mord an Schleyer und dem Tod der Führungsriege um Baader ist die "Offensive 77" der RAF gescheitert. Die Organisation erholt sich nie wieder von dem Rückschlag - die verantwortlichen Terroristen können gefasst werden.

Fall Buback nie gänzlich aufgeklärt
Die Ermittlungen zum Anschlag auf Buback und seine Begleiter ergeben, dass die Mörder des 57-Jährigen nach der Tat von einem dritten Komplizen erwartet wurden und in einem Alfa Romeo flüchteten. Die drei Männer in dem Auto sind die RAF-Terroristen Christian Klar, Knut Folkerts und Günter Sonnenberg. Sonnenberg geht der Polizei am 3. Mai 1977 in Singen ins Netz und wird dabei schwer verletzt, Folkerts erschießt am 22. September in Utrecht einen Polizisten und wird verhaftet. Klars Flucht endet fünf Jahre später im Sachsenwald bei Hamburg. Er könnte nach der Verbüßung seiner Mindesthaftzeit im Jahr 2009 freikommen und hat außerdem ein Gnadengesuch bei Bundespräsident Horst Köhler eingereicht.

Welcher der drei Terroristen in Karlsruhe die Schüsse abfeuerte, wird nie geklärt. Angehörige wie Bubacks Sohn Michael hoffen noch heute auf Gewissheit, um die Erlebnisse von damals besser verarbeiten zu können. Klar, der in der Haftanstalt Bruchsal einsitzt, hat dazu nie etwas beigetragen. "Es ist schon belastend, dass wir es hinnehmen müssen, dass ein Täter, der - wie es am 7. April 1977 in Karlsruhe geschehen ist - drei Menschen erschossen hat, diese Tat nicht zugeben muss und er dennoch nach einer Mindestverbüßungsdauer oder eventuell sogar noch früher aus der Haft entlassen wird", sagt Michael Buback. (apa)

8.5.2008 16:30