'Premiumanbieter' für Stahlprodukte: Voest will "verlorenen Bruder" Böhler übernehmen
- Angebot von 69 Euro je Aktie für Edelstahlspezialisten
- voest-Boss Eder möchte Deal bis 20. Mai durchziehen
Breite politische Zustimmung für "Win-win-Situation"
·Hintergrund-Infos
zu Böhler-Uddeholm
Konzern entwickelte sich zum Vorzeigebetrieb
·Hintergrund-Infos
zur voestalpine
Bewegte Geschichte bis zum Konzern mit Profit
·Breite Zustimmung aus politischem Lager
"Win-win-Situation für beide Industriebetriebe"
·Privatisierung von Telekom und OMV?
ÖIAG schließt weitere Empfehlungen nicht aus
·"Kein Verkauf gegen Willen des Vorstands"
FORMAT: Fries-Gruppe in Causa Böhler-Uddeholm
·Böhler: AK übt herbe Kritik an der Industrie
"Geld ist wichtiger als langfristiges Interesse"

In einer erneuten überraschenden Wendung des Übernahmekrimis rund um Böhler-Uddeholm hat die voestalpine die Vorlage eines Cash-Übernahmeangebots für alle Aktien des Edelstahlspezialisten von 69 Euro pro Anteilsschein angekündigt. Die voestalpine hat damit den internationalen Fonds CVC aus dem Feld geschlagen, dessen Übernahmeabsichten lang die wirtschaftspolitischen Schlagzeilen dominiert hatten. voestalpine und Böhler haben eine lange gemeinsame Geschichte als Teile der Verstaatlichten Industrie.
Voest-Chef Wolfgang Eder und Böhler-Chef Claus Raidl machten industrielle Überlegungen für die Allianzpläne geltend: Die voestalpine und Böhler-Uddeholm wollten gemeinsam "Premiumanbieter" für "Stahlprodukte aus dem obersten Qualitätssegment" und die Weltmarktführer in wichtigen Nischen werden. Wie berichtet hatte der Böhler-Vorstand am Mittwochabend den Kernaktionären rund um Rudolf Fries abgeraten, ihre Anteile an CVC zu verkaufen. Auch CVC habe ein gutes Angebot legen wollen, "wir haben uns aber die Frage gestellt, mit welchem Partner steht das Unternehmen in zehn Jahren am besten da - und da ist unsere Entscheidung für die voestalpine gefallen", sagte Raidl.
Fries sagte, dass sich seine Aktionärsgruppe seit Jahresbeginn angesichts vieler Avancen die Frage gestellt habe, ob und wie weit man Kernaktionär bleiben könne, "wie übernahmeresistent die Böhler-Uddeholm ist, und was wir tun können, um eine feindliche Übernahme abzuwenden". Seit Anfang Februar wisse auch der Vorstand Bescheid. Fries, der zusammen mit seine Co-Investoren vor fünf Jahren das Aktienpaket um rund 130 Mio. Euro gekauft hatte, wird über das Voest-Angebot jetzt rund 730 Mio. Euro erlösen. Der Voest-Preis sei geringfügig unter jenem der CVC gelegen, meinte der Wirtschaftsanwalt, der jedoch von einer "tollen industriellen Lösung" sprach.
Voest mit Angebot "an die Grenze gegangen"
Eder sprach davon, dass die Voest mit ihrem Angebot "an die Grenze gegangen" sei. Sollte noch ein Konkurrent auftauchen, der die "Grenzen der Rationalität überschreitet", werde Voest nicht mitbieten können. Er soll sich erst vergangene Woche tatsächlich als Interessent eingeschaltet haben. Eder will die Akquisition mit einer höchstens zehn Prozent großen Kapitalerhöhung finanzieren. Die Anteile der bisherigen Kernaktionäre würden kaum verwässert, die voest bleibe auch danach praktisch sicher vor einer Übernahme, meinte er.
Mit dem Böhler-Haupteigentümer, der Fries-Gruppe mit knapp 21 Prozent, haben die Linzer bereits eine Grundsatzeinigung erzielt, nun wird die voest den Böhler-Aktionären in einem freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebot 69 Euro je Aktie bieten. In Summe wird Böhler damit mit 3,5 Mrd. Euro bewertet. Schafft die voestalpine wie mindestens beabsichtigt, den Erwerb von 50 Prozent und einer Aktie wäre dies mit knapp 1,8 Mrd. Euro die größte Akquisition der österreichischen Unternehmensgeschichte.
10 Mrd. Euro Umsatz, 38.000 Mitarbeiter
Zusammen werden Voest und Böhler rund 10 Mrd. Euro Umsatz machen und mit gemeinsam etwa 38.000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber des Landes. Gemeinsam wollen die beiden Unternehmen rund 53 Prozent ihres Outputs in der Stahlproduktion machen, den Rest mit Verarbeitungsprodukten erzielen. voestalpine ist aktuell mit einer Marktkapitalisierung von 8,2 Mrd. Euro mehr als doppelt so groß wie Böhler-Uddeholm, die an der Börse mit rund 3,6 Mrd. Euro bewertet wird.
"Wenn wir alle Genehmigungen rechtzeitig erhalten, sollte der Deal am 20. Mai abgeschlossen sein", erklärte Eder. Böhler-Uddeholm solle "in seiner Gesamtheit" als fünfte Division in den voestalpine-Konzern integriert werden. Es werde keine Änderungen im Management geben. Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl soll in den voestalpine-Vorstand einziehen. Das Synergiepotenzial wird mit rund 65 Mio. Euro beziffert, hauptsächlich bei Einkauf, im Treasury und in der IT. "Längerfristig" werde Böhler wohl vom Kurszettel verschwinden, sagte Eder.
Gedämpfte Stimmung an der Börse
Die Reaktion auf den Kapitalmärkten fiel eher dedämpft aus. Analysten stehen dem Deal eher mit "gemischten Gefühlen" oder "neutral" gegenüber. Bemängelt wird der hohe Kaufpreis für Böhler die Aktie, Zweifel gab es auch an der industriellen Logik. Kleinaktionärsschützer Wilhelm Rasinger sprach von einem "hohen Erklärungsbedarf, inwieweit Böhler in die Konzernstrategie der voestalpine hineinpasst".
Die Aktien der beiden Stahlhersteller waren zwischenzeitlich beide vom Handel ausgesetzt gewesen. Böhler-Uddeholm konnte nach starken Abschlägen zu Beginn noch mit einem Kursgewinn von 0,6 Prozent bei 72,47 Euro beenden. voestalpine rutschte nach der Wiederaufnahme des Handels um bis zu 3,8 Prozent ab, am Sitzungsende blieb ein kleines Minus in Höhe von 0,51 Prozent auf 52,75 Euro. Laut einem heimischen Analysten erwarten sich mehrere Anteilseigner eine Nachbesserung des Angebots seitens der voestalpine. (apa/red)
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