Montag, 26. März 2007

"Fackel der Aufklärung": Berlin macht Ex-DDR-Dissidenten Biermann zum Ehrenbürger

  • Wurde 1976 aus sozialistischer DDR ausgebürgert
  • Debatte um Ehrung für ihn "politisches Possenspiel"

Mit einem Festakt ist der Liedermacher Wolf Biermann nach monatelangem Streit zum Berliner Ehrenbürger ernannt worden. "Heute sagt Berlin: Danke Wolf Biermann!", sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) als Laudator. Er würdigte den Liedermacher als großen Künstler und leidenschaftlichen Humanisten. Der 70-jährige Sänger und Autor wurde als bedeutender Dichter, aber auch für sein demokratisches Engagement in der damaligen DDR geehrt. Er war 1976 aus Ost-Berlin ausgebürgert worden.

Das Abgeordnetenhaus hatte mit großer Mehrheit für die Würdigung gestimmt, nur die Linkspartei hatte sich enthalten. "Mich hat das parteipolitische Possenspiel halb geehrt und halb gekränkt", sagte Biermann in seiner launigen Replik, in der er viele Weggefährten wie Robert Havemann und Eva-Maria Hagen erwähnte und ausführlich über DDR-Zeiten und seine Biografie sprach. Die Auszeichnung nannte er einen "Kuss der Stadt Berlin in meine Seele". Und: "Ich verdanke Berlin nicht viel, sondern fast alles." Nun sei er eine "Legende mit amtlicher Lebensbescheinigung", meinte Berlins 115. Ehrenbürger. Er habe eigentlich gedacht, die DDR halte länger als er. "Schön, wenn man sich irrt."

Unter den Gästen bei der Feier im Roten Rathaus waren Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Bundestagsvize Wolfgang Thierse (SPD) und Schriftsteller wie Ralph Giordano und Rolf Hochhuth. Biermann hatte sich kurz vor der Verleihung noch kritisch über die rot-rote Koalition in Berlin geäußert, die er "verbrecherisch" nannte. Wowereit wies dies vor seiner Laudatio nachdrücklich zurück. "Das geht zu weit." Biermann, der heute in Hamburg lebt, nahm dies gelassen. Er kritisierte, Wowereit liege "leider mit der PDS im Bett", freute sich aber über die Rede. "Mir hat das gefallen, was Sie gesagt haben."

Die Ehrenbürgerwürde sei eine Sache der Stadt, nicht von Personen und Mehrheiten, betonte Wowereit mit Blick auf den Streit. Bei der Diskussion um die Ehrung hatten Kritiker Biermann für seine Haltung zum Irak-Krieg und zur SED-Vergangenheit der Linkspartei angegriffen. Am Ende überwogen die Stimmen, die Biermann als Symbolfigur für die DDR-Opposition sahen. "Er gehört zu den Wegbereitern der Einheit Berlins und Deutschlands", heißt es auf der Urkunde zur Ehrenbürgerwürde.

Berlin sei die Stadt, in der Biermann nur einen Steinwurf von der Mauer entfernt gelebt und gewirkt habe, unterstrich Wowereit. Biermann, der 1965 in der DDR mit Publikations- und Auftrittsverbot belegt wurde, sei ein poetisches Genie und habe mit seinen Versen und Liedern Menschen bewegt und ermutigt, für Freiheit und Menschenrechte aufzustehen. Er habe damit eindrucksvoll gezeigt, "dass die Fackel der Aufklärung auch den Nebel einer Diktatur durchdringt". Für das Ideal eines freien und gerechten Sozialismus "stand in der DDR ein Wolf Biermann wie vielleicht sonst nur Robert Havemann".

Der Berliner CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns, der die Würdigung initiiert hatte, nahm den Liedermacher schon vor dem Festakt in Schutz. "Zwischen Biermann und die Stadt Berlin passt kein Blatt Papier."

(APA/red)

26.3.2007 17:06