Donnerstag, 22. März 2007

Günter Grass dichtet in tiefer Not mit Wut:
Ergreifender Lyrikband "Dummer August"

  • Buch als Reflex auf Schlagzeilen nach SS-Geständnis
  • Grass-Lesung am 20. April im Wiener Volkstheater

Günter Grass ist zutiefst verletzt. Sein neuer Lyrikband "Dummer August" ist ein ergreifendes Dokument, das keinen Leser und Betrachter kalt lassen kann. In Gedichten, illustriert mit eigenen Lithographien und Zeichnungen, gibt der Nobelpreisträger seine Seelenpein preis. Es ist aber auch ein zorniges Wüten gegen die Medien: Wie er sich im Sommer 2006 vorgeführt fühlte, als sein Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" über seine Jugend und seine ideologische Verführbarkeit in der NS-Zeit, über die Schrecken des Krieges und sein Reifen als Schriftsteller in der Nachkriegszeit von manchen Medien reduziert wurde auf die SS-Runen.

Grass, der am 20. April im Wiener Volkstheater mit einer Lesung und zum Gespräch zu Gast sein wird, hatte in seinem Buch erstmals öffentlich gemacht, dass er zum Kriegsende als 17-Jähriger noch bei der Waffen-SS war. Zu spät, viel zu spät - Glaubwürdigkeit und moralische Integrität des Autors seien verloren, lauteten die Negativ-Schlagzeilen, die Grass auf der dänischen Ostseeinsel Mön, wo er den Sommer verbrachte, erreichten. Nachrichtenmagazine und Boulevardzeitungen druckten seinen Namen mit SS-Runen, Witzchen kursierten ("Mein Name ist Grass, mit SS"), Karikaturen sprießten.

"Dummer August" als Reflex
Als Reflex auf diese von Grass als Vernichtungsversuch empfundenen Schlagzeilen entstand der Gedichtband "Dummer August" mit ausdruckstarken Lithographien und Zeichnungen. Die Titel einiger der insgesamt 41 Gedichte vermitteln Grass Gemütslage zwischen Scham, Ekel und Wut: "Am Pranger", "Schlaflos", "Waldgängers Klage", "Schaden auf Dauer", "Mein Makel", "Was bleibt". Im Gedicht "Dummer August" heißt es: "Schon komme ich mir komisch vor/gestellt vors Schnellgericht/der Gerechten". Die seitengroße Schwarzweiß-Lithographie daneben zeigt Grass wie einen Sträfling gedrückt mit spitzem Hut - Assoziationen an Opfer der Inquisition oder Kulturrevolution in China? "Was mir widerfahren ist, hat Inquisitionhaftes", sagt Grass.

Seine Selbstsicht, Opfer zu sein, formuliert Grass besonders eindringlich in dem Gedicht "Vergleichsweise": "Dem einen, dem anderen Kaninchen/das Fell über die Ohren gezogen/so sollte auch mir geschehen/auf daß ich nackt und bratfertig/dann mürbe und mundgerecht sei/die Leibspeise/mißliebiger Gäste."

Zorn über die Medien
Seinen Zorn über die Medien gibt er vielfältig Ausdruck. Im Gedicht "Was bleibt" attackiert Grass die Inszenierung, wie er sie sah: "Dann aber schnitt ein Jemand/geschickt im Gewerbe der Niedertracht/einen Satz aus dem weitläufgen Gefüge/und stellte ihn aufs Podest/gezimmert aus Lügen." "Helden von Heute" - gemeint sind Journalisten - endet mit den Worten: "...nur des Scharfrichters Ehrgeiz juckt sie, verletzend zu sein".

Goethe als Höhepunkt und Trost
Zum Schluss des Bandes - und dies ist Höhepunkt der Grass'schen Anklage und zugleich Trost für ihn - ist Goethes Gedicht "Wanderers Gemütsruhe" gedruckt. Goethe hatte es nach Anfeindungen wegen seiner Napoleon-Verehrung und seiner Skepsis gegenüber dem Patriotismus der Frühromantiker gedichtet - eine bittere Eloge "Über's Niederträchtige" mit dem Rat des Wanderers zur Gelassenheit: "Wirbelwind und trocknen Kot/laß sie drehn und stäuben." Dazu stellt Grass den eigenen Text "Zeitvergleich" und macht deutlich, dass er im Gegensatz zu Goethe nicht gelassen sein kann - angesichts der empfundenen Medienhetze.

Intensives, authentisches Buch
Das sehr offene, freimütige Buch macht Grass angreifbar, weil er allein seine Sicht und Emotionen zum Thema macht. Deutlich wird, Dank der sprachlichen Ausdruckskraft, wie sehr Grass gelitten hat unter der Berichterstattung. Dies ist eine Stärke des ungemein intensiven, authentischen Buches. Diese einseitige Perspektive ist aber auch eine Schwäche. Nur wer das umfassende Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" liest und die bei Steidl jetzt ebenfalls erscheinende Dokumentation über die Mediendebatte wird die Komplexität des Themas - den Umgang und die Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte am Beispiel von Günter Grass - erfassen.

(apa/red)

22.3.2007 10:07