Montag, 19. März 2007

Riesenfeier in Berlin: "Genschman" Hans-Dietrich Genscher feiert heute seinen 80er

  • Noch immer ist er "der Mann für heikle Missionen"
  • Rückblick auf Leben des ehemaligen Außenministers

Noch immer ist er der Mann für heikle Missionen. Zuletzt überbrachte er im Geheimauftrag des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier einen Brief in Teheran. Daraufhin kam der Angler Donald Klein nach 16 Monaten Gefangenschaft im Iran frei. Heute wird gefeiert: Der einst dienst-älteste Außenminister der Welt, Hans-Dietrich Genscher, wird 80.

Zwei historische Höhepunkte und ein schwerer Tiefschlag sind die Eckpunkte seines politischen Lebens. Der eine ist die dramatische Szene auf den Balkon in Prag 1989, als er tausenden verzweifelten DDR-Bürgern ihre Ausreise in den Westen ankündigte. Der andere ist der 2plus4-Vertrag, der faktische Friedensvertrag 1991 mit den ehemaligen Kriegsgegnern, dessen Architektur unter Beteiligung der beiden Deutschlands seine Idee war. Genscher war vermutlich einer der ersten, die die Bedeutung des damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschows für eine friedliche Absicherung der Wiedervereinigung erkannten.

Rückblick auf ein bewegtes Leben
Den politischen Triumphen vorangegangen war 1972 die Hölle von München: Die Erfahrung der totalen Machtlosigkeit beim Olympia-Massaker. Damals war er Innenminister im Kabinett von Willy Brandt.
18 Jahre stand er an der Spitze des Außenamtes. 23 Jahre war er Kabinettsmitglied. 33 Jahre saß er im Bundestag. Elf Jahre führte er die FDP, mit der er 1982 den fliegenden Koalitionswechsel zu Helmut Kohl vornahm. Heute ist er Ehrenvorsitzender der Partei.

Riesenfeier mit 1.500 Promi-Gästen
Das Geburtstagsfest im Sarrasani-Zelt am Berliner Hauptbahnhof übersteigt voraussichtlich alle Erwartungen. Die FDP rechnet inzwischen mit 1.500 Gästen aus Politik, Kunst und Medien. Ehemalige Staats- und Regierungschefs wie Michail Gorbatschow oder Gerhard Schröder kommen. Auch Kohl ist eingeladen. Aus der Unterhaltungsbranche stehen Florian Henckel von Donnersmarck, Liselotte Pulver und Peter Maffay auf der Gästeliste. Sabine Christiansen und Max Schautzer moderieren das Spektakel.

Unter den Gästen sind elf ehemalige oder amtierende Außenminister wie etwa Genschers persönlicher Freund Eduard Schewardnadse, sein ehemaliger Mentor Henry Kissinger, oder der französische Kollege Roland Dumas, mit dem Genscher 1991 die Konsultationsrunde mit Polen, das Weimarer Dreieck, aus der Taufe hob.

Ein denkwürdiger Tag
Doch zurück zur aufwühlende Szene auf dem Balkon des ehemaligen böhmischen Adelspalais' Lobkowicz, der Deutschen Botschaft in Prag, am 30. September 1989: Von einem Herzinfarkt gezeichnet trat Genscher vor: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..."

Mehr war nicht zu verstehen. Der Rest des Satzes ging unter in einem markerschütternden Aufschrei der Erleichterung der über 4.000 auf dem Gelände eingepferchten Flüchtlinge. Insgesamt kamen mehr als 10.000 DDR-Flüchtlinge frei. Fünf Wochen später fiel in Berlin die Mauer. Der legendäre Satz von damals steht auf Deutsch und Tschechisch in voller Länge auf einer Bronzetafel in der Prager Botschaft.

"Genschman" im gelben Pullunder
Genscher eilte fortan der Ruf einer Art Friedens- und Freiheitsbringer voraus. Im Westen wurde er per Cartoon als allgegenwärtiger "Genschman" mit Superman-Anzug und dem charakteristischen gelben Pullunder ironisiert. Dazu passte der Genscher-Witz: Begegnen sich zwei Flugzeuge über dem Atlantik: In beiden sitzt Genscher.

Balkan-Politik
Aber auf dem Balkan, wo schon wieder die Kriegslunte glomm, lagen ihm Slowenen und Kroaten für seine Politik der frühzeitigen Anerkennung zu Füßen. Die Albaner schossen den Vogel ab, als sie ihn 1992 in Ermangelung deutscher Fahnen mit gelben Pullundern an den Fahnenmasten empfingen und Tirana den "Sheshi Hans-Dietrich Gensher" (Genscher-Platz) bekam. Einen Monat danach trat er aus der Regierung aus.

Mit seiner Balkanpolitik machte er sich nicht nur Freunde: In London und Paris wuchs der Argwohn, das vereinigte Deutschland verfalle außenpolitisch wieder der Großmannsucht. In der Sicherheitspolitik sah sich Genscher persönlich dem Vorwurf der Glattheit ausgesetzt. Schon davor machte das Schmähwort vom "Genscherismus" die Runde.

Wie alles begann
Genscher kam am 21. März 1927 in Reideburg/Saalkreis zur Welt und wuchs in Halle an der Saale auf. Der Vater starb früh. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft studierte er Jus und überwand dabei eine Tuberkulose-Erkrankung. Noch in der Sowjetzone nahm er erste Kontakte zu den Liberalen auf. Nach der Flucht in den Westen 1952 wurde er Rechtsanwalt in Bremen und trat der FDP bei. 1965 zog er in den Bundestag ein.

Im Mittelpunkt seiner Außenministerjahre standen die Bemühungen um Abrüstung, um den Nahen Osten, um die Einigung Europas und der KSZE-Prozess. (apa/red)

19.3.2007 14:30