Montag, 19. März 2007

FPÖ für harten Kurs gegen Drogenkranke: Freiheitliche fordern jetzt Zwangstherapie

  • Weiterer Vorschlag: Waldarbeit zu 'Aggressionsabbau'
  • Experte Musalek: Zwangsmaßnahmen 'nicht sinnvoll'
    STIMMEN SIE AB: Sind Zwangstherapien sinnvoll?

Zwangstherapie für Drogenabhängige - dafür haben sich die FPÖ-Gesundheitssprecherin im Parlament, Dagmar Belakowitsch-Jenewein, sowie Vertreter der Wiener FPÖ in einer Pressekonferenz ausgesprochen. Die Therapie solle stationär durchgeführt werden und auch Arbeit in der Land- bzw, Forstwirtschaft oder in Parks beinhalten. Kritik übte die FPÖ an der derzeitigen Drogenpolitik.

Die Drogenkriminalität steige immer mehr, dies gehe auf Kosten der Kinder und Jugendlichen, beklagte der FP-Gemeinderat Gerald Ebinger: "In Wien ist die Szene nicht nur auf den Karlsplatz beschränkt, eine offene Szene gibt es fast überall." Die Drogenpolitik der SPÖ sei gescheitert.

Auch Forderungen zur Einrichtung so genannter Drogenkonsumräume erteilte die FPÖ eine klare Absage: "Das ist reiner Schwachsinn", so FP-Gemeinderat David Lasar. Auch die laufenden Substitutionsprogramme seien nicht sinnvoll, hieß es.

"Unser Drogenkonzept zielt auf eine drogenfreie Gesellschaft", betonte Belakowitsch-Jenewein. Drogenkranke, die mit Suchtgift erwischt werden, sollten sofort in eine Therapie geschickt werden - ein Konzept, das es etwa in Schweden oder Finnland schon seit längerem gebe. In der Therapie stünde zunächst der körperliche Giftentzug im Vordergrund.

Dazu beitragen könne etwa Waldarbeit oder eine landwirtschaftliche Tätigkeit: "Dabei könnten viele Patienten auch ihre Aggressionen abbauen." Wobei zunächst auch Kosten entstünden: Laut FPÖ müsste für den Ausbau der Therapieeinrichtungen in den kommenden zwei Jahren rund 1,7 Mio. Euro investiert werden.

Das Ziel sei "Helfen statt Strafen", wurde betont. Dies gelte aber nicht für Drogendealer. Für Suchgifthandel müssten die Strafen erhöht werden, auch wenn es sich nur um geringe Mengen handle, so die FPÖ-Forderung.

Experte Musalek: "Nicht sinnvoll"
Michael Musalek, Leiter des Anton-Proksch-Instituts in Wien, sieht eine Suchterkrankung als ein "sehr komplexes Phänomen". Einfache Lösungen könnten da nicht greifen, meinte der Psychiater auf die von der Wiener FPÖ geforderte Zwangstherapie. Nicht jeder, der Suchtmittel konsumiere, sei süchtig. "Es macht darum überhaupt keinen Sinn, jeden in Therapie zu geben, der mit Suchtmitteln angetroffen wird. Da würde man dann die falschen Leute erwischen", erklärte Musalek.

Zum FPÖ-Vorschlag, den körperlichen Entzug durch Waldarbeit oder landwirtschaftliche Tätigkeit zu unterstützen, meinte Musalek, auch nach einem Herzinfarkt könne körperliche Betätigung helfen, behandelbar sei ein Infarkt damit aber nicht.

Eine Therapie wegen Drogenabhängigkeit ist laut Musalek ein komplexer Vorgang, bei dem man auf die Mithilfe des Patienten angewiesen sei. "Eine zwanghafte Behandlung ist daher nicht sinnvoll", so der Experte. Bei anderen schweren Krankheiten gebe es nie den Ruf nach Zwangsbehandlung, seltsamerweise verhielte sich das anders, sobald es um Sucht gehe, sagte der Fachmann.

"An Naivität nicht zu überbieten"
Die Wiener SPÖ hat das Drogenkonzept als unseriös zurückgewiesen. "Die FPÖ gaukelt der Bevölkerung vor, dass eine drogenfreie Gesellschaft möglich ist. Das ist eine bewusste Irreführung", reagierte der stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Gemeinderat, SP-Gemeinderat Kurt Wagner, auf entsprechende Aussagen der FPÖ.

Besonders die Forderung zur Arbeit in der Wald- und Forstwirtschaft sei an Naivität nicht zu übertreffen: "Wien setzt hingegen auf eine seriöse Drogenpolitik." Von fehlender Sachkenntnis zeuge auch die Forderung nach ausschließlich stationärer Therapie. "Es muss und wird auch weiterhin ambulante und stationäre Therapieformen geben, um der Realität zu entsprechen", so Wagner.

(apa/red)

19.3.2007 14:28