Samstag, 17. März 2007

Tuberkulose bleibt weltweite Bedrohung: Jährlich rund neun Millionen TB-Erkrankte

  • Auch 125 Jahre nach Entdeckung des Erregers
  • Konzentration der Tuberkulose in armen Ländern

Genau 125 Jahre ist es her, dass Robert Koch dem Tuberkulose-Erreger auf die Spur kam und damit den Grundstein für die Bekämpfung der gefährlichen Infektionskrankheit legte. Mitte des 20. Jahrhunderts folgten wirksame Medikamente, die die "Schwindsucht" heilbar machten. Noch immer aber gibt es jährlich rund neun Millionen neue Tuberkulose-Fälle und fast zwei Millionen Tote. Vor allem die Aids-Epidemie und zunehmende Resistenzen gegen die Antibiotika-Therapie lassen den Sieg über die TB in weite Ferne rücken.

"Zwar nimmt in den Industrieländern die Häufigkeit der Neuerkrankungen bis auf wenige Ausnahmen kontinuierlich ab - in Deutschland zwischen 1996 bis 2005 ganz deutlich von 11.814 auf 6.045 Fälle -, global aber steigt die Zahl der neuen Fälle jährlich schätzungsweise um 0,6 Prozent", erklärt Robert Loddenkemper vom Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) zum Welt-Tuberkulose-Tag am 24. März. "Neben demographischen Faktoren wie Bevölkerungswachstum und höherem Alter sowie der zunehmenden Migration sind besonders die Verbreitung der HIV-Infektion und die Zunahme der Medikamentenresistenzen verantwortlich."

Die Immunschwächekrankheit Aids bietet vor allem im südlichen Afrika einen idealen Nährboden für die Ausbreitung von TB: Die beiden Infektionen gehen häufig Hand in Hand, das geschwächte Immunsystem eines HIV-Infizierten kapituliert schnell vor den TB-Erregern.
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Ehemalige Sowjetrepubliken an Spitze der Resistenzentwicklung
Bei der Resistenzentwicklung an der Spitze stehen die ehemaligen Sowjetrepubliken. Dabei wird der Erreger gegen immer mehr der Antibiotika immun. Von rund 20 Ländern, in denen bereits mindestens ein Fall von so genannter extensiver Medikamentenresistenz (XDR) registriert wurde, lagen nach Angaben Loddenkempers die Hälfte in oder an der Grenze zu Europa.

"In einigen Ländern sind vereinzelt auch schon Fälle mit einer XXDR, einer extremen Resistenz, nämlich gegen alle verfügbaren Medikamente, aufgetreten", erklärt Loddenkemper. Wo alle Medikamente versagen, bedeutet das in der Regel das Todesurteil für die Patienten.

"Besonders dramatisch wird die Situation dort, wo HIV/Aids und Medikamentenresistenzen zusammenkommen", sagt Loddenkemper mit Blick auf Südafrika. Dort wurde im vergangenen Jahr eine Häufung von XDR-TB-Fällen in KwaZulu-Natal gemeldet, die sehr schnell tödlich verliefen. Die meisten Patienten waren mit dem Aids-Erreger infiziert.

XDR auch in Westeuropa
"XDR gibt es schon länger, es treten auch in Westeuropa immer wieder Fälle auf", erklärt Barbara Oberhauser von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) mit Sitz in Würzburg. "Sein eigentliches tödliches Potenzial scheint es aber vor allem in Verbindung mit HIV zu entwickeln." Gerade in den davon betroffenen Ländern sind die Gesundheitsdienste bei der Bekämpfung und Kontrolle der Tuberkulose oft überfordert. "Vor allem in den ärmsten Ländern sind Millionen der TB hilflos ausgeliefert", mahnt Oberhauser.

Armut und Unterernährung öffnen Türen
Armut und Unterernährung oder katastrophale hygienische Verhältnisse öffnen der Verbreitung des Tuberkulose-Bakteriums die Türen. In abgelegenen Regionen und Elendsvierteln von Entwicklungsländern oder in Krisen- und Kriegsgebieten können sich darüber hinaus viele Menschen nicht einmal den Gang zum Arzt und somit eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung leisten.

Auf Grund der Konzentration der Tuberkulose in armen Ländern und benachteiligten Bevölkerungsgruppen hat nach Angaben Oberhausers die Forschung lange nicht reagiert. "Da TB eine Erkrankung der Armen ist, gab es seit Jahrzehnten keine Neuentwicklung auf den Gebieten der Diagnose, Behandlung und Prävention", beklagt die Medizinerin. Forschung oder Medikamentenentwicklung schienen sich nicht zu lohnen.

Noch immer Methode wie vor 125 Jahren
"Wir arbeiten weltweit immer noch zum großen Teil mit einer Methode zur Diagnosestellung, die Robert Koch vor 125 Jahren benutzt hat", erklärt Oberhauser. "Die angewandten Medikamente sind alle in den fünfziger und sechziger Jahren entwickelt worden, und die erhältliche Impfung schützt kaum. Es besteht ein immenser Bedarf an Neuentwicklungen!"

Inzwischen werden zwar einige neue Medikamente geprüft, bis sie auf den Markt kommen könnten, geht jedoch noch Zeit ins Land. "Aber auch neue Medikamente werden allein nicht die Lösung bringen, da zur Kontrolle der TB umfassendere Maßnahmen notwendig sind", betont Loddenkemper. "Um das derzeit noch utopisch anmutende Ziel der WHO zu erreichen, welche die Tuberkulose bis zum Jahr 2050 eliminieren will, muss zunächst das globale soziale Ungleichgewicht beseitigt werden."

(apa/red)

17.3.2007 07:52