Britisches Soultalent Joss Stone: Mit Image-Wandel und neuem Album zurückgekehrt
- "Fühle mich jetzt endlich als vollwertige Künstlerin"
- 15 neue Eigenkompositionen: Jazz, Soul, Funk, Rap
"Habe ich es wirklich verdient, mit meiner Musik im Radio präsent zu sein?", fragt Joss Stone. Die Antwort gibt sie mit ihrem dritten Album "Introducing: Joss Stone" (Virgin). Aus dem Soul-Lehrmädchen, das bei Stevie Wonder, James Brown und Betty Wright in die Ausbildung ging, ist eine Meisterin ihres Fachs geworden. Sie hat sich verändert, ist selbstbewusster, selbstkritischer geworden.
Auch äußerlich. Inmitten ihrer Entourage, die durch das schicke Hotel Adlon in Berlin rast, ist sie nicht sofort wiederzuerkennen. Doch bevor man dem hübschen Gesicht, den sinnlichen Augen, einen Namen zuordnen kann, ist die Gestalt auch schon wieder vorbeigerauscht, in der gleichen Geschwindigkeit, die auch jene Songs ihrer ersten beiden Alben um den Globus rotieren ließ.
Aus Jocelyn wurde Joss
Damals war sie 15, jene Jocelyn Stoker, alias Joss Stone, die mit ihrem "The Soul Sessions"-Debüt als neues Wunderkind des Soul gefeiert wurde. Vier Jahre ist das her. Mit einer stimmlichen Reife und Größe, die unweigerlich an die Soul-Ikone Aretha Franklin erinnerte, wurde dem Mädchen aus dem englischen Devon allerorten eine Bilderbuchkarriere prophezeit.
Sieben Millionen verkaufte Alben
Brav interpretierte sie zunächst alte, nicht jedem geläufige Nummern aus dem riesigen Soul-Fundus der frühen 70er Jahre. Mit ihrem zweiten Album, "Mind, Body & Soul", wagte sie es, vorsichtig erstmals als Koautorin eigener Songs in Erscheinung zu treten. Regie führten indes freilich andere. Heute, rund sieben Millionen verkaufte Alben später und mit bald 20, ist aus dem Fräuleinwunder Joss Stone ein selbstbewusster Lady-Kracher geworden.
Image-Wandel
"Ich bin zwar rein physisch gesehen erst 19, aber Gott weiß, wie alt ich in diesem Kopf bin", tippt sie sich grinsend auf eben jenen. Sie bestellt Vegetarisches. "Meine Eltern, die coolsten Hippies der Welt, haben mich fleischlos groß gezogen." Der süße Babyspeck, der sie noch zum Karrierebeginn polsterte, ist abtrainiert, die Mähne ein ganzes Stück kürzer, das Blond ist einem Violett-Pink gewichen.
Schritt in die Selbständigkeit
Die Erleuchtung kam ihr auf Barbados. Urlaub machte sie dort, als ihr klar wurde, dass sie für sich selbst zu kämpfen hatte. Das neue Album habe seit fünf Jahren in ihrem Kopf gegärt, erzählt sie. Aber es sich materialisieren zu lassen, brauchte den entscheidenden Schritt. "Worauf hätte ich bei meinen ersten beiden Platten stolz sein können? Ich befolgte die Anweisungen meiner Produzenten. Inzwischen gebe ich den Ton an und fühle mich endlich als vollwertige Künstlerpersönlichkeit." Zuvor feuerte sie ihr Management, handelte ihren Plattenvertrag selbst neu aus und konnte schließlich ihrem Produzenten-Team den Laufpass geben. Leicht sei ihr das alles nicht gefallen, aber lohnenswert sei es allemal gewesen, sagt sie.
Stimm-Wunder
Das kann man nun hören. Soulfulness bis in die gefärbten Haarspitzen besitzen ihre 15 neuen Eigenkompositionen. Stimmlich wächst die bald 20-jährige über sich selbst hinaus, lässt hammerharten Funk um ihren Seelengesang kreisen, positioniert mit einem Mix aus jazzigen Retro-Sounds und Gästen wie Lauryn Hill und der Rap-Alternative Common ihre Soul-Revue in der Neuzeit. Wenn sie in "Girl, They Won't Believe It", zum beseelten Chorgesang im Kontext von klassischem Motown-Soul ansetzt, lässt sie mit ihrer gesanglichen Wucht die Supremes wie blasse Sirenchen während eines Probealarms aussehen.
Auf Musik-Mission
Keine Frage, hier befindet sich jemand auf einer mitreißenden Mission. "Mir geht dieses lauwarme Zeug auf die Nerven, das man heutzutage Soul oder R&B nennt. Im R&B höre ich fast keinen Rhythmus mehr - von Blue Notes ganz zu schweigen. Musik ist die größte Liebe meines Lebens und ich habe mir geschworen, meinen Teil zu ihrer Rettung beizutragen." Das scheint nicht unmöglich für eine Musikerin, die mit ihrem neuen Album den Schritt von der mittleren Reife zur Soul-Professur hinlegt.
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(apa/red)

