Zinsen steigen weiter: EZB erhöht Leitzins auf 4% - höchster Stand seit fast sechs Jahren!
- "Entschlossenes Handeln für Blick nach vorne"
- Experten: Zins-Gipfel dürfte bei 4,5 Prozent liegen

Die Zinsen im Euro-Raum sind mit vier Prozent auf den höchsten Stand seit knapp sechs Jahren gestiegen. Wegen der boomenden Konjunktur erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins von 3,75 auf 4,00 Prozent - das war die achte Anhebung in Folge seit Ende 2005. Die Währungshüter werden den Zinssatz nach Einschätzung von Ökonomen weiter nach oben schrauben.
"Mit Blick nach vorn ist ein entschlossenes Handeln notwendig, um die Preisstabilität zu sichern", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet in Frankfurt. Der Notenbank-Rat werde alle Entwicklungen "genau im Auge behalten". Mit dieser Formulierung pflegt die EZB Zinserhöhungen in drei Monaten anzukündigen. Der Notenbank-Präsident wollte sich aber nicht auf einen Zeitpunkt für den nächsten Zinsschritt festlegen. Die meisten Volkswirte rechnen 2007 noch mit zwei Zinserhöhungen im September und Dezember auf dann 4,5 Prozent.
Der Leitzins ist derzeit doppelt so hoch wie zu Beginn des Zyklus. Zuletzt hatte er im August 2001 über der Vier-Prozent-Marke gelegen. Sparer dürfen sich nun freuen, weil parallel zu den Zinsen mit zeitlicher Verzögerung auch die Renditen für Guthaben steigen. Schuldner und Kreditnehmer müssen im Gegenzug für Kredite mehr zahlen.
Als Grund für die Erhöhung nannte die Notenbank den überraschend starken Aufschwung, der Inflationsrisiken mit sich bringe. "Die Wirtschaft wächst wesentlich stärker, als das vor einem Jahr erwartet wurde", sagte Trichet. Der Aufschwung führe zu mehr Beschäftigung und berge daher die Gefahr überhöhter Tarifabschlüsse, was die Inflation anheizen könne.
Auch das starke Kreditwachstum und die zuletzt wieder gestiegenen Ölpreise sind nach Einschätzung der Notenbank eine Gefahr für die Preisstabilität, die die EZB bei einer Inflation von knapp unter zwei Prozent gewahrt sieht. Im April blieb die jährliche Teuerungsrate im Euro-Raum moderat bei 1,9 Prozent. "Es ist aber wichtig, über die kurzfristigen Schwankungen hinaus auf die mittelfristige Entwicklung zu schauen", verteidigte Trichet den Notenbank-Kurs. Die Zinsen seien im Vergleich zu den Aussichten für Wirtschaftswachstum und Inflation noch zu niedrig. "Wir legen uns aber nicht im Vorhinein fest", sagte Trichet. Die Entscheidung hänge von den Daten ab.
Argumente für weitere Zinserhöhungen liefern die neuen Prognosen der Notenbank. Die Wirtschaft wird nach EZB-Einschätzung 2007 im Schnitt 2,6 statt der bisher erwarteten 2,5 Prozent wachsen, sagte Trichet. Gleichzeitig werde die Inflation wieder die kritische Zwei-Prozent-Marke erreichen - bisher war die EZB von 1,8 Prozent ausgegangen. Höhere Zinsen dämpfen die Inflation, weil sie Kredite für Verbraucher und Unternehmen verteuern und die Geldmenge verknappen. Deswegen gelten sie aber auch als Konjunkturbremse.
Der Zinsschritt stieß bei den meisten Ökonomen und der Politik auf Zustimmung. Der Chef der Wirtschaftsweisen Bert Rürup sagte der "Westdeutschen Zeitung", von der Zinsanhebung gehe keine Gefährdung für den Aufschwung aus. Wegen des möglichen Lohn- und Preisdrucks müsse die EZB den Zinszügel anziehen. Der Bundesverband deutscher Banken erklärte, weitere Zinsschritte nach oben könnten bei einem anhaltenden Wirtschaftsboom, steigenden Ölpreisen und anziehenden Löhnen notwendig werden.
(apa/red)

