Der Boom von Bio und Functional Food: Nahrungsmittelkonzerne am Gesundheitstrip
- Wie Nestlé & Co. vom Besser essen-Trend profitieren
- FORMAT: Was ist das neue Bio-Essen wirklich wert?
Nahrungskonzerne, Handelsriesen und Gastronomie am Gesundheitstrip: Wie Nestlé, Billa oder McDonald's vom "Besser essen"-Trend profitieren und wie viel die neuen Lebensmittel wirklich wert sind.
Der McDonald's-Salat "Shakin' Griechisch" besteht aus Tomaten, Oliven, Gurken, Schafkäse, Eisbergsalat und Paprika und kostet 1,95 Euro. Überraschend dabei: Im vergangenen Jahr waren nicht Hamburger oder Pommes Frites die Wachstumsmotoren der Fastfoodkette, sondern knackiges Grünzeug in Bechern oder Tassen mit Dressing nach Wahl. "Wir haben beim Salat 2006 fast 50 Prozent Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr", freut sich McDonald's-Österreich-Chef David Newman.
Klar, dass der Gastro-Manager den einmal erkannten Gesundheitstrend, der sich davor eher in Meinungsumfragen als an der Theke abgespielt hatte, jetzt weiter ausreizt: Seit kurzem können Kunden bei McDonald's-Menüs als Beilage Gartensalat statt Pommes ordern, und beim Kindermenü "Happy Meal" das Fruchtmus "Frucht Flip" bestellen. Im Mai will McDonald's zusätzlich zu Coca-Cola, Sprite und Fanta spät, aber doch, erstmals auch Apfelsaft anbieten.
Konzerne am Gesundheitstrip
Der amerikanische Imbiss-Riese ist längst nicht als einziger Konzern am Gesundheitstrip. Lebensmittelmultis wie Nestlé, Unilever und Danone investieren Milliarden, um in ihren Labors gesündere Lebensmittel zu entwickeln. Diese sind schließlich dank steigender Nachfrage und meist höherer Margen die Hoffnungsträger für die Zukunft. Ähnliches spielt sich bei den großen Handelsketten, in Österreich etwa bei Billa und Spar ab, deren Einkäufer ständig auf der Suche nach neuen Wellness-Innovationen sind.
Schließlich wuchs allein der Umsatz gesundheitsfördernder Milchprodukte wie probiotischer Joghurts und Drinks vergangenes Jahr in Österreich um zwölf Prozent auf fast 60 Millionen Euro. Tendenz: weiter steigend. Prognosen zufolge wird bald jedes vierte Milchprodukt einen Mehrwert für körperliches Wohlbefinden haben.
Umsatzzuwächse für Bio-Produkte
Bio-Produkte wie Ja! Natürlich von der Rewe Group Austria (Billa, Merkur, Penny) erzielen jährliche Umsatzzuwächse im zweistelligen Prozentbereich. Functional Food - Produkte mit zugesetzten Vitaminen, Bakterien oder Mineralien, sind dank enormen Werbedrucks und weniger Zeit fürs Essen bei steigendem Ernährungsbewusstsein in aller Munde. Fazit: Ob aus dem Marchfeld oder dem Forschungslabor: Besser essen boomt wie nie zuvor.
"Das ist aber noch immer erst der Anfang", prognostiziert Emmerich Berghofer, Lebensmitteltechnologe an der Universität für Bodenkultur, "unsere Gesellschaft verändert derzeit grundlegend ihre Ernährungsgewohnheiten." Laut einer aktuellen Market-Studie haben in den vergangenen Jahren zwei Millionen Österreicher ihr Essverhalten geändert. In der vergangenen Dekade nahm der jährliche Pro-Kopf-Verzehr an Obst um zehn Kilo zu. BSE-Skandal und Vogelgrippe förderten dieses Umdenken kräftig.
Wie die Zielgruppe fürs Gesund-Essen, stressgeplagte Vielarbeiter oder Frauen mit Doppelbelastung, die ohne Schälen und Schneiden Vitaminbomben zu sich nehmen wollen, punktgenau angesprochen wird, zeigt derzeit etwa der britische Lebensmittelmulti Unilever. Anfang Jänner brachte Unilever den Obst-und Gemüsesaft "Knorr Vie" auf den Markt. Der konzentrierte Wunderdrink deckt der Werbung zufolge die Hälfte des täglichen Bedarfs an Obst und Gemüse. Für eine 100-ml-Flasche "Vie" werden demnach 200 Gramm Obst und Gemüse verarbeitet, und weder Zucker noch Farb-und Konservierungsstoffe zugesetzt. Das Ganze bei bloß 75 Kalorien.
Die ursprüngliche Vitamin-Marke von Unilever, die Tiefkühlsparte Iglo mit Gemüse aus dem Marchfeld, haben die Briten erst im Herbst verkauft. Grund: Mit so simplen Gesundheitskonzepten sind nicht mehr ausreichend hohe Margen zu erzielen. "Die gesamte Angebotspalette von Unilever wird in Zukunft auf den gesundheitlichen Zusatznutzen ausgerichtet", sagt Unilever-Geschäftsführer Ernst Klicka.
Functional Food am Vormarsch
Danone geht noch weiter. Auch der französische Multi launcht laufend Functional Food wie zuletzt den Soja-Drink Savia. "Savia ist eine gute Alternative zu Milchprodukten, weil generell zu viel tierisches Eiweiß konsumiert wird", wirbt Danone-Österreich-Chef Frank Uszko für die Soja-Innovation. Doch die Danone-Chemiker haben jetzt auch ein Joghurt entwickelt, das sogar der Schönheit zuträglich sein soll. Essensis, bereits in Spanien, Frankreich und Italien in den Regalen, schafft es angeblich, dass die Haut Feuchtigkeit länger speichern kann. "Wir testen derzeit, ob wir Essensis auch nach Österreich bringen", so Uszko.
Dass die Danone-Vorstände solche Neuerungen beherzt fördern, begründet sich vor allem in ihren guten Erfahrungen mit probiotischen Produkten. Die Danone-Marken Actimel und Activia sind in Österreich Marktführer in diesem Segment und wachsen nach wie vor jährlich um sagenhafte zwanzig Prozent, was in kaum einem anderen Sektor des weitgehend gesättigten Lebensmittelmarktes zu erreichen ist.
Hohe Preise werden von Konzernen leicht gerechtfertigt
Großer Vorteil für die Lebensmittelbranche: Der Preisdruck ist im Gesundheitssegment wesentlich geringer als bei Teigwaren, Bier oder Süßigkeiten. So kostet ein herkömmliches Joghurt, auf ein Kilo hochgerechnet, rund einen Euro. Die klein portionierten probiotischen Versionen schlugen bei einer FORMAT-Einkaufstour teils mit rund vier Euro pro Kilo zu Buche. Und das, obwohl laut Karl-Heinz Wagner, Professor am Institut für Ernährungswissenschaften in Wien, die Wirkung von probiotischen Joghurts oft gleich wie die von herkömmlichen ist.
Gerhard Riess, Lebensmittelexperte der Gewerkschaft Metall Textil Nahrung, ortet in den hohen Preisen gar eine Konsumentenfalle. "Sie sind schon deshalb notwendig, um das Image der Produkte hoch zu halten. Je teurer es ist, desto wirkungsvoller scheint es zu sein. Unter dem Strich machen die Konzerne unerhört hohe Gewinne."
Nestlé, Danone und Co berufen sich bei der Preisgestaltung auf die enormen Forschungskosten. So gibt allein Nestlé jährlich fast eine Milliarde Euro für die Entwicklung neuer Gesundheitsprodukte und die Verbesserung bestehender Lebensmittel aus. Nestlé (weltweiter Umsatz 2005: 58,8 Milliarden Euro) betreibt 17 Forschungszentren weltweit, alleine in der F&E-Abteilung in Lausanne (Schweiz) arbeiten 600 Leute.
"Wir haben schon vor fünf Jahren damit begonnen, alle unsere Produkte auf ihre Gesundheitsrelevanz zu untersuchen", sagt Nestlé-Forschungschef Ferdinand Haschke im FORMAT-Gespräch. Zwei der naheliegendsten Ergebnisse: weniger Fett in der Schokolade und weniger Zucker im Eis.
EU: Nutzen muss wissenschaftlich bewiesen sein
Zusatzkosten könnten vor allem für kleinere Lebensmittelhersteller künftig durch eine geplante neue EU-Regelung anfallen. EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou will die sogenannte Claims-Verordnung erlassen, der zufolge gesundheits-und nährwertbezogene Angaben wie "unterstützt die Darmflora" oder "senkt Cholesterin" nur bei Vorlage entsprechender wissenschaftlicher Bestätigungen erlaubt sind. Die Multis leisten sich solche Studien schon jetzt. Auf der Danone-Homepage finden sich allein 25 Studien, die Actimel und Activia die teils umstrittene positive Wirkung bescheinigen sollen.
Die Handelsketten naschen am Gesundheitsboom kräftig mit.
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