Donnerstag, 1. März 2007

Nach Geiselnahme in Bawag-Filiale: U-Haft gegen 39-jährigen Täter laut Justiz sicher

  • Geiselnehmer drohen jetzt bis zu 20 Jahre Gefängnis
  • "Bank als Medium": Täter bei Befragung kooperativ
    Freundin verließ ihn, er hat "massive Geldprobleme"

Der Geiselnehmer Günter B. wurde ins Wiener Landesgericht eingeliefert, teilte die Polizei mit. Bei den Einvernahmen mit dem Täter habe es keine neuen Erkenntnisse gegeben, hieß es. Die Erhebungen laufen in Richtung Raub und erpresserische Entführung, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Gerhard Jarosch, der APA. Damit werde in jedem Fall gegen den 39-Jährigen die Untersuchungshaft verhängt.

Der Anwalt des Geiselnehmers, Thomas Menschhorn, berichtete nach einem ersten Gespräch mit seinem Mandanten, dass es diesem "den Umständen entsprechend gut" gehe und der 39-Jährige "etwas müde" sei.

Nutzte Günter B. Bank-Filiale als Medium?
"Massive Geldprobleme, das ist der richtige Ausdruck": Dennoch dürften laut Oberstleutnant Gerhard Haimeder, interimistischer Leiter der Wiener Kriminaldirektion 1 (KD 1), die finanziellen Schwierigkeiten des 39-jährigen Günter B. nicht der Grund gewesen sein, warum er in der Bawag-Filiale in der Mariahilfer Straße 22 in Wien-Neubau sieben Geiseln nahm. "Es sieht so aus, als hat für ihn die Bank als Medium fungiert", sagte der Kriminalbeamte. Er habe sich mitteilen wollen.

Die ausführlichen Einvernahmen des Wieners wurden erst am Mittwoch gestartet. "Er gibt sich kooperativ und ruhig", sagte Haimeder. Die Ermittlungen hat die KD 1-Gruppe Unger übernommen. Drei Kriminalbeamte befragten Günter B. Was sich bereits am Dienstag bei den Verhandlungen herauskristallisiert hatte, dürfte sich zunächst bestätigen. "Er hat ein persönliches Lebensproblem", nannte es der Oberstleutnant.

Das stellte sich so dar: Seine Lebensgefährtin hatte den 39-jährigen Vater einer 19-jährigen Tochter vor einiger Zeit verlassen. Kurz vor der Tat besuchte sie ihn mit ihrem neuen Freund. Die Nacht vor der Geiselnahme machte er mit Freunden durch. Nach der Festnahme stellte der Amtsarzt aber keine Alkoholisierung oder einen Drogeneinfluss bei Günter B. fest.

Seinen Schuldenberg dürfte der Wiener durch seine Spielsucht angehäuft haben. Immer wieder ging er in der Vergangenheit zu Automaten. Schon früher wurde Günter B. amtsbekannt. Wegen Diebstahls, Einbruchs und Raubüberfalls stand er bereits vor Gericht.

Bis heute Nachmittag werden nun die Einvernahmen weiter geführt. Dann muss der mutmaßliche Geiselnehmer nach Ablauf der 48 Stunden-Frist in das Landesgericht eingeliefert werden. Dort entscheidet ein Richter, ob Untersuchungshaft verhängt wird. Dies hängt davon ab, ob Fluchtgefahrt besteht.

20 Jahre Haft drohen
Als Anklagepunkte kommen Raub mit Freiheitsentzug (Höchststrafe 10 Jahre) oder erpresserische Entführung (Höchststrafe 20 Jahre) in Frage. Dass der 39-Jährige nur einen Plastikrevolver bei sich führte, würde sich nur bei einem Bankraub strafmindernd auswirken.

"Kein Patentrezept" bei Verhandlungen
Für Verhandlungen mit Geiselnehmern gibt es "kein Patentrezept": Wie man auf den Täter eingeht, kristallisiert sich im Laufe der Gespräche heraus. Das sagte Major Gerhard Winkler von der Wiener Kriminaldirektion 1 (KD 1), Leiter des Verhandlungsteams, das mit dem Geiselnehmer Günter B. in Verbindung stand. Die von der Gruppe Schaffer geführten Verhandlungen gestalteten sich als schwierig.

Der Täter hatte starke Stimmungsschwankungen, sagte Winkler. "Seine Emotionslage war anfangs weinerlich und depressiv." Später legte Günter B. auch aggressives Verhalten an den Tag. "Es gab immer wieder einen Wechsel in der Stimmungslage."

Schnell kristallisierte sich heraus, dass sich der Wiener in einer Lebenskrise befindet. Seine Freundin hatte ihn verlassen und ihn kurz vor der Tat mit ihrem neuen Lebensgefährten besucht, ergaben schon erste Erhebungen im Umfeld des Täters. Die Nacht hatte er mit Freunden durchgemacht.

Mit diesen Informationen ging es in die weiteren Verhandlungen. "Dass das gekippt wäre, die Gefahr kam nicht auf", sagte Winkler. Es habe aber ein paar Sachen gegeben, "die ihn gestört haben". Günter B. hatte eine Verbindung zur Außenwelt per Internet und verfolgte die Medienberichte mit. "Ein Anruf von einem Medienvertreter ist schon ein Gefahrenpotenzial", kritisierte der Major.

"Eine paradoxe Situation: Obwohl er die Trennung von seiner Freundin mit eine Ursache war, hatte er mit ihr noch immer einen guten Kontakt", erläuterte Winkler. Das hätten sich die Verhandler zu Nutze machen können: Vorsorglich brachte die Polizei die Frau zum Tatort, damit sie in die Gespräche eingreifen hätte können, wenn es notwendig geworden wäre. Auch die Freunde, mit denen der 39-Jährige in der Nacht zuvor unterwegs gewesen war, und sein Bruder standen bereit.

Wann solche Vertrauten eines Täters hinzugezogen werden, sei eine Entscheidung des Verhandlungsteams, so Winkler. "Das ergibt sich aus der Gesprächssituation. Da gibt's kein 08/15-Programm." (apa/red)

1.3.2007 14:51