Kühlflüssigkeit in AKW Temelin ausgetreten:
Keine Radioaktivität, kein Personenschaden
- Laut tschechichem Amt keine Gefahr für Österreich
- Minister Pröll mit Kritik wegen verzögerter Meldung
Aufregung hat in Österreich über einen neuerlichen Zwischenfall im südböhmischen Atomkraftwerk Temelin geherrscht. In der Nacht von Montag auf Dienstag trat im ersten Block des AKW "leicht radioaktive" Flüssigkeit aus, wie Temelin-Sprecher Milan Nebesar bestätigte. Es seien jedoch "keine radioaktiven Stoffe" außerhalb der kontrollierten Zone des Kraftwerks entwichen. Österreich wurde nach Regierungsangaben erst am Donnerstag über den Zwischenfall informiert.
Umweltminister Josef Pröll habe daraufhin umgehend ein Protestschreiben veranlasst, sagte sein Sprecher Daniel Kapp. "Wir erwarten jedenfalls eine Erklärung, wieso es über 50 Stunden gedauert hat, bis die österreichische Seite über diesen doch außergewöhnlichen Vorfall informiert wurde."
Gusenbauer bereits Dienstag informiert?
Das Bundeskanzleramt trat Vorwürfen entgegen, wonach Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bereits bei seinem Besuch in Prag über das Austreten der Kühlflüssigkeit informiert worden sei. "Wir wurden nicht informiert", sagte der Sprecher des Bundeskanzlers, Stefan Pöttler. Gusenbauer habe nach Bekanntwerden des Vorfalls sofort ein Telefonat mit seinem tschechischen Amtskollegen Mirek Topolanek geführt und ihm mitgeteilt, dass dies "nicht die Form ist, wie man sich einen offenen, freundschaftlichen Umgang vorstellt". Der Bundeskanzler habe auf die Wichtigkeit der Informationspflicht hingewiesen, die "diesmal nicht eingehalten" worden sei, fügte sein Sprecher hinzu.
Grünen-Chef Alexander Van der Bellen hatte bei einer Pressekonferenz gemeint, für ihn stelle sich die Frage, ob Gusenbauer schon früher informiert gewesen sei. Sollte dies nicht der Fall sein, so wäre dies ein "ziemlich unfreundlicher Akt der tschechischen Seite". Andernfalls stelle sich jedoch die Frage, warum der Kanzler nicht umgehend die österreichische Bevölkerung informiert habe.
Heftige Reaktionen in Oberösterreich
In Oberösterreich löste das Bekanntwerden des Zwischenfalls heftige Reaktionen aus. Wegen des "heiklen" Prag-Besuchs von Gusenbauer und der nach wie vor offenen Sicherheitsfragen rund um das Atomkraftwerk habe man es in Tschechien offenbar vorgezogen, "den neuerlichen Störfall vorerst unter den Tisch fallen zu lassen", kritisierte die Plattform "atomstopp_oberoesterreich". Der oberösterreichische Umweltlandesrat Rudi Anschober will, dass rechtliche Schritte nicht mehr länger geprüft, sondern eingeleitet werden.
"Zögerliche Informationspolitik"
Tschechien habe Österreich erneut brüskiert, so der oberösterreichische FPÖ-Chef Lutz Weinzinger in einer Aussendung. Er prangerte die "zögerliche Informationspolitik" von tschechischer Seite an. Der stellvertretende oberösterreichische BZÖ-Obmann Max Walch ortete eine "unheilige Allianz der Verzögerer", bestehend aus Gusenbauer und Pröll, "auf Kosten der Sicherheit Oberösterreichs". Er forderte die Regierung auf, "endlich zu handeln" und "jetzt die Völkerrechtsklage gegen Temelin" einzubringen.
Keine Gefahr für Österreich
Wie der Sprecher von Umweltminister Pröll mitteilte, traten bei dem Vorfall 2.000 Liter Kühlflüssigkeit aus. Als Grund sei ein nicht verschlossenes, handbedientes Ventil genannt worden, das den Angaben zufolge nach dem Vorfall umgehend geschlossen worden sei. Die ausgetretene Flüssigkeit sei innerhalb des Sicherheitsbereiches im dafür vorgesehenen Tank aufgefangen worden. Laut dem tschechischen Amt für nukleare Sicherheit sei weder Radioaktivität ausgetreten noch seien Personen zu Schaden gekommen. "Die Experten des Strahlenschutzes sehen keine Gefährdung für die österreichische Bevölkerung", betonte Kapp.
Prag: Nicht zu spät informiert
Der Sprecher der tschechischen Regierung, Martin Schmarcz, hat betont, dass Tschechien bis zu 72 Stunden Zeit gehabt hätte, Österreich über das Austreten von Kühlwasser in Block 1 des südböhmischen Atomkraftwerks Temelin zu informieren. Der jüngste Zwischenfall, der sich in der Nacht von Montag auf Dienstag ereignete, sei nicht als "Panne" (tschechisch "nehoda") eingestuft worden. Die tschechische Seite habe ihre Pflicht daher sogar um einen Tag früher erfüllt, so Schmarcz gegenüber der APA.
(apa/red)
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