Adieu, Alfred! Ein Land nimmt Abschied von seinem besten und wichtigsten Journalisten
- Seine größten Storys, seine härtesten Recherchen, seine Fotos das war Alfred Worm

·KONDOLENZBUCH
FÜR ALFRED WORM
Bekunden Sie Ihre Trauer
über Worms Ableben
·Enthüllungsjournalist mit dem großen Herz
Ein Porträt des NEWS-
Aufdeckers Alfred Worm
·'Alfred wir werden dich immer vermissen'
Alle REAKTIONEN zum Ableben Alfred Worms
·Rückblick: A. Worm Journalist des Jahres
Auszeichnung wenige Tage vor seinem Tod
·Das Objektiv des großen Aufdeckers
Alfred Worm - Die besten Bilder aus seinem Archiv
Sie hätten sich ihn anders vorgestellt, sagten nachher diejenigen, die ihm zum ersten Mal begegnet waren. Den anderen wurde Angst um ihn. Solch eine Weichheit, solch eine von innen her leuchtende Freude, so viele Umarmungen. Das kannte man nicht von Alfred Worm, der unselektive Nähe und unerbetene Zuwendung nicht schätzte. Dann dieser nur fünf Minuten lange Blick über sein Leben, mit dem er sich für die erwiesene Ehre bedankte. Der habe ihr das Herz zerrissen, sagt Elfriede Jelinek, die ein paar Sekunden daraus im Fernsehen sah. Er sprach davon, dass es Zeit zum Leisertreten, ja: zum Abdanken wäre, und auch das hatte man von ihm noch nicht gehört.
Das war erst am vergangenen Donnerstag, dem 1. Februar, im Burgtheater-eigenen Restaurant Vestibül. Alfred Worm wurde als Journalist des Jahres 2006 ausgezeichnet. Die Chefredakteure der österreichischen Medien hatten ihm das Prädikat verliehen, und das bedeutet viel in einer Branche, die, im Doppelsinn, nicht gern etwas aus-lässt. Der Bundeskanzler hielt die Laudatio. Wer eingeladen war, durfte sich geehrt fühlen. Der aber geehrt wurde, war der Beste.
Die Redaktionskonferenz am Freitagmorgen ließ er aus, saß aber in seinem Büro und organisierte den Transport eines überbreiten Möbelstücks auf die Baustelle seines Hauses bei Gmünd, dessen Gedeihen er am Wochenende beaufsichtigen wollte. Am Sonntagabend wurde er noch in der chaotischen Ordnung seines Büros im 9. Stock des NEWS-Towers gesehen. Halb liegend, halb sitzend, die Beine auf dem überquellenden Schreibtisch, wie es seine Art war, habe er etwas aus einem der Aktenmassive geholt, erinnert sich NEWS-Redakteur Karl Wendl, der ihn als Letzter sah. Der Blick über den Brillenrand, der linke Mundwinkel ein wenig nach oben gezogen, in den Augen das Lächeln, das schon lang nicht mehr sarkastisch, sondern voll Freundlichkeit war. Keine Blässe, keine Kränklichkeit, nicht einmal ein Hüsteln. Die Erkältung, die er seit mehreren Tagen mit sich herumtrug, schien von keiner Bedeutung.
In Frieden eingeschlafen. Um sieben Uhr war er zuhause, um acht, nach dem Abendessen, erklomm er nach der selbst auferlegten Tagesdisziplin den Hometrainer, mit dem er täglich zwei harte Stunden lang kämpfte. Um 22 Uhr war er zu Bett. Am nächsten Morgen um sechs hätte der Ergometer wieder in Betrieb sein müssen, wieder für zwei Stunden, doch da rührte sich nichts. Bis sieben wollte ihn Ehefrau Renate schlafen lassen, dann wusste sie, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte. Sie fand ihn wie schlafend: in seitlicher Lage, schon erkaltet, Frieden im Gesicht. Die Amtsärztin legte den Zeitpunkt des Todes mit Montag, 5. Februar, kurz nach Mitternacht fest. Ein Tod, sagte sie, wie man ihn sich nur träumen könne, wenn die Zeit abgelaufen sei.
Religiöse Menschen und er war ein wilder Gottsucher, wie ihn Kurt Krenn, den er nicht mochte, einmal nannte sehen im Tod die Krönung des Lebens. Und so stand dieses glückhafte Einschlafen ohne Schmerz und Angst am Ende zweier Jahre, die vielleicht die beruflich schönsten und reichsten seines Lebens waren. Die große Marke Alfred Worm leuchtete: hell von Plakatwänden, aus Fernsehdiskussionen und von Titelblättern den eigenen und denen der anderen.
Das große letzte Jahr. In seinem letzten Jahr konsumierte er alles an Ruhm, was er sich ein journalistisches Vorzeigeleben lang verdient hatte. Der Bawag-Skandal forderte ihn wie in den alten Zeiten. Der Fall Elsner empörte ihn und schärfte seine Kräfte. Er beschaffte und analysierte die Akten, vor denen Ausflüchte und juristische Finten als solche kenntlich wurden.
Sein Name auf einem Dokument stand für das Beste, was Journalismus leisten kann: für Exklusivität, Seriosität und Unbestechlichkeit. Und keiner wird vergessen, wie er mit dem Siegesruf Stoppts die Maschinen am späten Abend eines Schlussproduktionstages die Art Chaos auslöste, von der Journalisten, die den Namen verdienen, wachträumen: Er hatte das entscheidende Elsner-Dokument beschafft. Die daraus zur späten Nacht generierte Cover-Story beeinflusste die Causa massiv und zwar in Richtung Recht und Gerechtigkeit.
Weltruhm mit Natascha. Eine Legende war er schon zuvor gewesen. In diesem Jahr aber wurde er weltberühmt. 24 Fernsehstationen hatten Personal entsandt, um mit ihm zu sprechen. Selbst Geschäftsreisende nach Nicaragua, die in ihren Hotelzimmern die Fernsehapparate einschalteten, meldeten nach Österreich, sie hätten ihn dort gesehen. Die journalistische Pointe ist, dass er das Interview mit Natascha Kampusch um keinen Preis hatte führen wollen. Das sei nicht seine Geschichte, insistierte er, am Ende schon ungehalten. Vergebens: Natascha Kampusch hatte ihn für das Interview ein Stück Mediengeschichte, wie er viele schrieb schlicht angefordert. Nicht einmal der jungen Frau im acht Jahre währenden unterirdischen Martyrium, das konsequente Zensur durch einen Psychopathen einschloss, war es möglich gewesen, ihn nicht zu kennen. Und wie er dann fragte: nobel, behutsam, souverän und tröstend. Ein Lehrstück, und dabei hatte keiner vermutet, dass man auch in dieser Hinsicht von ihm lernen könnte. Er war ein Charaktermensch, schreibt nun Natascha Kampusch in ihrem Nachruf. Er hat Vertrauenswürdigkeit und Erfahrung ausgestrahlt. Ich hätte gern mehr von diesem Menschen gelernt, der so viel Seriosität und Geradlinigkeit verkörperte. Das erfuhren alle, die mit ihm zu tun hatten: Er weckte Vertrauen, gleichviel, ob bei einem Beamten des Kontrollamts, bei einem Arbeiter an einem dubiosen Bauprojekt oder beim Bundespräsidenten. Man vertraute sich ihm, oft gegen alle Logik des Selbstschutzes, gern an und fühlte sich am Ende noch erleichtert, als wäre man beim Priester gewesen.
Seine Wurzeln. Seine Kindheit in Gmünd, in dessen Nähe er am Ende seines Lebens zurückkehren wollte, war eine merkwürdig ambivalente. Als er zur Stunde null, im Juni 1945, ins unwirtlichste Waldviertel geboren wurde, war der Vater, ein deutscher Soldat, schon auf und davon. Das Kind wuchs bei der Großmutter im nahen Grenzort Neunagelberg auf. Die Mutter arbeitete als Sekretärin beim ÖAAB, holte den Sohn erst in die Volksschule nach Wien und schrieb ihn dann ins Knabeninternat Graz-Liebenau ein. Wegen Versagens in Deutsch flog er dort kurz vor der Matura und schloss in der HTL Mödling, Abteilung für Tiefbau, mit Auszeichnung ab. Andererseits eignet sich seine Biografie nicht für Sozialopern: Die Mutter wurde zu einer Autorität im schwarzen ÖAAB. Sie pflegte die von ihr ins politische Grundwissen eingewiesenen späteren ÖVP-Mächtigen Herbert Kohlmeier, Josef Taus und Alois Mock meine Buben zu nennen. Worm machte Karriere, wurde Bauleiter und gerichtlich beeideter Sachverständiger, arbeitete nebst anderem an der damals epochalen Europabrücke in Tirol und gewann Einblick in die schmutzigen Geheimnisse der Branche.
Ein Journalist wie kein zweiter. Es zog ihn auf die andere Seite. 1974 wurde er Redakteur beim vier Jahre zuvor gegründeten profil. Dort erfand er den Beruf des Enthüllungsjournalisten, als er sein berufliches Wissen zur Aufdeckung des Bauring-Skandals einer amtlichen Wiener Schieberaffäre im Wüstensand nutzte. Im Mai 1975 erschien dann das erste Cover zum im Bau befindlichen Wiener AKH: Die größte Pleite der Zweiten Republik stand da, und niemand wollte es glauben. Die Dämme brachen erst fünf Jahre später. Worm schonte weder die kriminellen Manager, die Milliarden veruntreut hatten, noch den damaligen Vizekanzler Hannes Androsch, mit dem er sich erst zu Anfang des dritten Jahrtausends versöhnte. 1980 wurde er mit dem Renner-Preis ausgezeichnet, und das Klima im Land hatte sich verändert: Der Journalismus als vierte Kraft im Staat war nicht Worms Erfindung. Aber das Schlagwort mit Leben erfüllt zu haben das war sein Verdienst. Die Zeit bei profil dauerte bis 1994 und wurde nur in den frühen Achtzigerjahren durch einen kurzen Sidestep ins Politische unterbrochen, als er bei Erhard Buseks Wiener ÖVP Aufbruch ahnte und sich in den Gemeinderat abwerben ließ.
Die ganze Story lesen Sie im neuen NEWS
Syrien-Krise18:14
Obama ein Feigling?Wegschauen oder eingreifen? US-Präsident schweigt zum Massaker von Houla
Nachbeben in Italien20:01
Mehrere TodesopferErneut große Schäden und Tote nach schweren Erdstößen in Norditalien
