Kinder als Sexsklaven
- 1.200 Minderjährige gehen in Österreich auf den Straßenstrich
- Für diese Buben und Mädchen gibt es kaum Anlaufstellen

Wegen beschissenen zehn Euro muss ich für dich anschaffen gehen!, schreit Jasmin Lisa (Namen geändert) an. Lisa holt aus und schlägt Jasmin mit voller Kraft ins Gesicht. Jasmin stolpert, stürzt
zu Boden. Ich will nicht für dich ficken gehen, brüllt sie, während ihr die Tränen in die Augen schießen. Lisa holt mit dem Bein aus und tritt auf die am Boden Liegende ein. Einmal. Zweimal.
Jasmins Stimme überschlägt sich vor Wut und Schmerzen. Schmerzen, am Körper und in der Seele, denn die Tritte bekommt sie von dem Mädchen, das sie schon vom Kindergarten her kennt: Du bist meine beste Freundin, wie kannst du mich schlagen!? Ein Passant reißt Lisa von ihrer Freundin weg. Ruf mich nie wieder an!, schreit sie noch die am Boden liegende, wimmernde Jasmin an, bevor sie in einer Seitenstraße verschwindet.
Ort des Geschehens: das Stuwerviertel, Wien-Leopoldstadt, vergangenen Samstag um halb acht Uhr abends. Dort, wo Jasmin steht, wenn sie Geld für Drogen braucht. Dort, wo die Autofahrer bremsen, um die Mädchen zu begutachten, die am Straßenrand stehen. Mädchen wie die 16-jährige Jasmin.
Ich war 13, als ich hier das erste Mal am Strich gegangen bin, erzählt sie einen Tag später. Mit Lisa, der sie Geld für Drogen schuldig war der Grund für die Auseinandersetzung , hat sie sich schon wieder versöhnt. Durch das Substitol, das sie kurz vor der Schlägerei genommen hat, kann sie sich auch an fast nichts von dem erinnern, was vor nicht einmal 24 Stunden passiert ist.
Mit 11 Heroin, mit 13 am Strich. Von ihrem ersten Freier weiß Jasmin nur noch, dass er ein rotes Auto hatte. Ich habe ja nicht einmal eine Ahnung gehabt, wie man Französisch macht, erinnert sich die heute 16-Jährige an die erste Zeit am Babystrich, erst als ich 15
wurde, habe ich dann auch Geschlechtsverkehr gemacht. Aber immer nur mit Gummi. Auch wenn ihr die Freier oft 500 oder 600 Euro für ungeschützten Verkehr bezahlen wollen.
Jasmin hat lange brünette Haare, auffallend sind ihre langen Wimpern. In ihren Augen ist noch Leben Drogen und Freier haben das Funkeln noch nicht ganz zerstören können. Es kommen alle möglichen Männer hierher, Geschäftsleute, Verheiratete, Solomänner, in jedem Alter. Die alten Männer, so zwischen 50 und 70, können oft nicht mehr abspritzen. Manchen reicht es auch nur, meine Brüste zu streicheln.
Frischfleisch. Für Oralverkehr mit Gummi verlangt Jasmin
30 Euro, ohne Präservativ um zehn mehr. Geschlechtsverkehr ist Verhandlungssache, zwischen 60 und 70 Euro ist der Richtwert. Wenn ich bei einem Freier einsteige, frage ich ihn immer: Haben Sie eine Frau? Haben Sie Kinder? Wenn er ja sagt, frage ich ihn dann: Wieso kommen Sie dann zu mir? Die meisten antworten, sie brauchen Abwechslung. Und Frischfleisch.
Als Jasmin gerade mal 15 war, stieg sie in das Auto eines Boxers. Wir sind zu ihm nachhause gefahren, erinnert sie sich, im Keller hat er so einen Trainingsraum mit einem Sandsack gehabt. Dort wollte er dann Sex mit mir. Ich habe ihn gebeten, vorsichtig zu sein, weil ich bis dahin meistens nur Französisch gemacht und erst selten Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Das war ihm wurscht.
Jasmin hatte gegen den durchtrainierten Kampfsportler keine Chance. Auch nicht, als er ihr nur 15 Euro gab anstatt der 60, die vorher ausgemacht gewesen waren.
Keine Hilfe für Jasmin. 200 minderjährige Mädchen soll es in Wien geben, die regelmäßig auf den Strich gehen. Soll, weil es keine empirischen Werte, kein Datenmaterial dazu gibt. Genauso wenig wie eine Anlaufstelle, an die sich die Betroffenen wenden können. Es wäre wichtig, so schnell wie möglich eine unkompliziert funktionierende Anlaufstelle für diese Mädchen und auch Burschen zu schaffen, fordert Astrid Winkler von ECPAT (End Child Prostitution, Child Pornography and Trafficking of Children for Sexual Purposes). Das Bündnis verschiedener Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hat sich dem Kampf für Minderjährige, die Opfer sexueller Ausbeutung werden, verschrieben.
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