Sonntag, 11. Februar 2007

Kinder als Sexsklaven: 1.200 Kinder gehen in Österreich schon auf den Straßenstrich

  • Skandal: Für sie gibt es noch kaum Anlaufstellen
  • NEWS: Viele Freier haben sogar Kindersitze im Auto

"Wegen beschissenen zehn Euro muss ich für dich anschaffen gehen!", schreit Jasmin Lisa (Namen geändert) an. Lisa holt aus und schlägt Jasmin mit voller Kraft ins Gesicht. Jasmin stolpert, stürzt zu Boden. "Ich will nicht für dich ficken gehen", brüllt sie, während ihr die Tränen in die Augen schießen. Lisa holt mit dem Bein aus und tritt auf die am Boden Liegende ein. Einmal. Zweimal.

Jasmins Stimme überschlägt sich vor Wut und Schmerzen. Schmerzen, am Körper und in der Seele, denn die Tritte bekommt sie von dem Mädchen, das sie schon vom Kindergarten her kennt: "Du bist meine beste Freundin, wie kannst du mich schlagen!?" Ein Passant reißt Lisa von ihrer Freundin weg. "Ruf mich nie wieder an!", schreit sie noch die am Boden liegende, wimmernde Jasmin an, bevor sie in einer Seitenstraße verschwindet.

"Ich war 13, als ich hier das erste Mal am Strich gegangen bin", erzählt sie einen Tag später. Mit Lisa, der sie Geld für Drogen schuldig war - der Grund für die Auseinandersetzung -, hat sie sich schon wieder versöhnt. Durch das Substitol, das sie kurz vor der Schlägerei genommen hat, kann sie sich auch an fast nichts von dem erinnern, was vor nicht einmal 24 Stunden passiert ist.

Mit 11 Heroin, mit 13 am Strich. Von ihrem ersten Freier weiß Jasmin nur noch, dass er ein rotes Auto hatte. "Ich habe ja nicht einmal eine Ahnung gehabt, wie man Französisch macht", erinnert sich die heute 16-Jährige an die erste Zeit am Babystrich, "erst als ich 15 wurde, habe ich dann auch Geschlechtsverkehr gemacht. Aber immer nur mit Gummi." Auch wenn ihr die Freier oft 500 oder 600 Euro für ungeschützten Verkehr bezahlen wollen.

"Frischfleisch"
Für Oralverkehr mit Gummi verlangt Jasmin 30 Euro, ohne Präservativ um zehn mehr. Geschlechtsverkehr ist Verhandlungssache, zwischen 60 und 70 Euro ist der Richtwert. "Wenn ich bei einem Freier einsteige, frage ich ihn immer: Haben Sie eine Frau? Haben Sie Kinder? Wenn er ja sagt, frage ich ihn dann: Wieso kommen Sie dann zu mir? Die meisten antworten, sie brauchen Abwechslung. Und Frischfleisch."

Keine Hilfe für Jasmin
200 minderjährige Mädchen soll es in Wien geben, die regelmäßig auf den Strich gehen. Soll, weil es keine empirischen Werte, kein Datenmaterial dazu gibt. Genauso wenig wie eine Anlaufstelle, an die sich die Betroffenen wenden können. "Es wäre wichtig, so schnell wie möglich eine unkompliziert funktionierende Anlaufstelle für diese Mädchen und auch Burschen zu schaffen", fordert Astrid Winkler von ECPAT ("End Child Prostitution, Child Pornography and Trafficking of Children for Sexual Purposes"). Das Bündnis verschiedener Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hat sich dem Kampf für Minderjährige, die Opfer sexueller Ausbeutung werden, verschrieben.

Strafe statt Hilfe
Unerträglich ist für Winkler die rechtliche Situation in Österreich: Prostituierte, die ohne "Deckel" arbeiten und bei der Ausübung dieses Gewerbes von der Polizei erwischt werden, bekommen eine Verwaltungsstrafe - auch wenn sie noch minderjährig sind. Astrid Winkler: "Niemals geht doch ein Kind freiwillig auf den Strich. Da ist unbedingt Straffreiheit zu garantieren." Noch deutlicher bringt es Frauenministerin Doris Bures auf den Punkt: "Es ist jenseits von Gut und Böse, von den Mädchen und Burschen Verwaltungsstrafen einzuheben". Das große Problem: Die Jugendlichen werden also bestraft - Hilfsangebote gibt es für sie jedoch kaum.

Tamara (Name geändert) war im Oktober vergangenen Jahres das letzte Mal am Strich im Stuwerviertel. Die 20-Jährige hat dunkelbraune Augen und ihren schwarzen Haaren erst vor wenigen Tagen einen trendigen Kurzhaarschnitt verpasst. Mit 16 hat sie den ersten Freier "gemacht". Wenn sie auf Entzug war, stieg sie manchmal täglich bei bis zu 15 Kunden ins Auto ein. Auf 45 Kilo magerte die hübsche junge Frau in dieser Zeit ab - bei 1,65 Meter Körpergröße.

Damals wurde sie auch oft von Polizeistreifen aufgegriffen. Heute hat sie an die 3.000 Euro Schulden, alles Verwaltungsstrafen. In 14 Tagen muss sie deshalb eine mehrwöchige Haftstrafe antreten. Trotzdem schreibt sie jetzt schon Bewerbungsschreiben, vor allem an Zahnärzte. Denn: Zahnarztassistentin wäre ihr absoluter Traumjob. Den "Job", den sie am Strich gemacht hat, möchte sie vergessen. Vor allem die Freier.

"Man kommt so schwer raus"
Auch Jasmin möchte jetzt alles probieren, um von den Drogen - und damit vom Strich - loszukommen. "Ich möchte endlich wieder einmal in der Früh aufstehen können und nicht nur daran denken müssen, wie ich ans Gift komme. Man kommt da so leicht rein - und so schwer wieder raus."

Jasmin hat ein Geheimnis, von dem kein Freier und auch nicht die anderen Mädchen im Stuwerviertel wissen. Dieses Geheimnis soll ihr Kraft geben, den Ausstieg zu schaffen: ihre Tochter, die sie vor einem Jahr auf die Welt gebracht hat.

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11.2.2007 07:42