The Good, The Bad & The Queen: Damon Albarns neues musikalisches Abenteuer
- Gorillaz-Sänger holt sich Clash-Bassisten Simonon
- Nachdenken über britische "Kultur-Piraterie"

Eine Spurensuche in London, auch eine Art Hommage an die britische Hauptstadt - das ist der neueste Streich von Damon Albarn. "Wenn man Musik zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, sucht man kontinuierlich nach anderen Musikern, die einem das Leben bunt färben", sagt der Blur-Frontmann und Gorillaz-Sänger zu seiner neuen Band The Good, The Bad & The Queen. Das gleichnamige Album ist gerade bei EMI erschienen. Für Farbtupfer sorgen mit Albarn Clash-Bassist Paul Simonon, der zufällig im gleichen Westlondoner Viertel wohnt, der nigerianische Drummer Tony Allen und Ex-Verve-Gitarrist Simon Tong.
Eine unorthodoxe Vorgehensweise ist längst das Markenzeichen Albarns, der mit den Britpop-Heroen von Blur und der Comic-Pop-Band Gorillaz einen Welterfolg nach dem anderen feierte. Albarn flirtete kurz, aber umso nachhaltiger mit Weltmusik, und oft ist er auf dem Höhepunkt des aktuellen Projekts schon längst beim nächsten angekommen. Festlegen lässt er sich nicht gerne, gibt er zu.
Mit The Good, The Bad & The Queen stellt er wieder einmal alles auf den Kopf, was bisher seine Handschrift trug. Natürlich genießt Albarn längst einen Status, der es ihm erlaubt, jeden Kollegen zum gemeinsamen Musikmachen anzustiften, der ihm in den Sinn kommt. Seine Wahl fiel für das neue Bandprojekt auf Simonon, der drei Straßenzüge von Albarns West-Londoner Domizil entfernt als Maler lebt.
"Es passiert nicht jeden Tag, dass man von einem Genie wie Damon Albarn zum Tee eingeladen wird. Also bin ich rüber zu ihm, und mit dem ersten Treffen war die Geburt der Band besiegelt", erinnert sich Simonon. Albarn denkt derweil über die Gemeinsamkeiten der beiden nach. Klar, Musik ist die eine Verbindung. Viel wichtiger für ihn sei jedoch die identische Wahrnehmung des gleichen Stadtteils gewesen. Das stehe in seinen Augen exemplarisch für ganz London, ja, sogar für ganz England. Zwischen Westbourne Grove und Golborne Road befindet sich ein Multikulti-Mikrokosmos, in dem Künstler und weniger wohl situierte Familien unterschiedlicher Kulturen Seite an Seite mit den zu Reichtum gekommenen Hippstern wie Albarn und Simonon leben.
Der Sozialromantik-Verdacht liegt nahe, wird aber in Albarns neuen Songtexten im Handumdrehen ad absurdum geführt. Vielmehr wirft er mehr als nur einmal unterschwellig die Frage auf, wer die Engländer eigentlich sind. "Sind es die Fußball-Hooligans mit ihrer lachsfarbenen Haut, für die England berühmt ist? Oder doch eher Freddie Mercury als Prototyp eines Engländers, weil er aus Sansibar stammte?", fragt Albarn.
Simonon bezeichnet England derweil als Piraten-Nation. "Auch in kultureller Hinsicht. Wir klauten, was uns als Rock'n'Roll verkauft wurde, und verscherbelten es an die Amerikaner zurück", sagt der in die Jahre gekommene Ex-Punk, dessen Silhouette das berühmte "London Calling"-Album von Clash zierte. Aus dieser Kultur-Piraterie sei allerdings ein musikalischer Pluralismus entstanden, der sich jetzt auf dem Debütalbum "The Good, The Bad & The Queen" manifestiert, fügt Albarn hinzu.
Tatsächlich ist Vielfalt das Leitmotiv der Band. Simonons dub-getränkte Basslinien geben dabei den Ton an und werden von Allens Afrobeat-Rhythmusverständnis untermauert. Albarn packt das Ganze mit seinem songorientierten Habitus in einen Rahmen, der weniger Multikulti-Versuch, sondern tatsächliche Identität offenbart. Von den frühen psychedelischen Pop-Bands der Sixties, über Eckpfeiler britischer Popkultur wie XTC, The Clash und letztlich auch Blur, bis hin zu afrikanischen, indischen und karibischen Einflüssen reichen die Mosaiksteine, die Albarn und Co zu einem neuen Bild zusammengefügt haben.
Genießt man allerdings die kaleidoskopischen Färbung der neuen Songs so weit, dass man sich auf einer sicheren Entdeckungsreise wähnt, wird man von Textzeilen wie "Drinking all day while the country is at war" in die bittere Realität zurückgeworfen. Betreibt Albarn mit solchen Sätzen Selbstreflexion oder kommentiert er damit die englische Realität? "Ich hätte statt dessen auch 'zunehmendes Unwohlsein über die mangelnde Empathie der Briten' schreiben können, aber dann hätte die Aussage ihren Autsch-Charakter verloren", sagt Albarn und gesteht, dass er sich beim Texten für dieses Album erstmals die Haare gerauft habe.
Bei den Gorillaz sei das ganz anders gewesen, weil es dabei ohnehin keinen interessiert habe, was da gesungen worden war. Ob ihn auch das Ex-Clash-Mitglied Simonon zum akribischeren Texter gemacht hat? "Ganz sicher sogar. 'London Calling' ist einer meiner absoluten Lieblingssongs aller Zeiten", gesteht Albarn. "Wenn man ein Mitglied von The Clash in der Band hat, möchte man sich nicht die Blöße geben, irgendeinen Text zu singen. The Clash standen für eine Haltung. Ohne sie hätte es weder Blur noch die Gorillaz gegeben. Insofern ist Paul ganz klar ein Motivator." (apa)
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