Mittwoch, 7. März 2007

Erschreckender UN-Bericht: Erderwärmung steigt bis zum Jahr 2100 um bis zu 6,4 Grad!

  • Nun steht fest: Schuld daran sind wir Menschen!
  • Meeresspiegel mit einem Plus von 18 - 59 Zentimeter
    PLUS: Kernpunkte des Berichts zum Durchklicken!

Ein Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 59 Zentimeter und eine Aufheizung des Klimas um bis zu 6,4 Grad in den kommenden 100 Jahren: Der Weltklimarat (IPCC) hat in Paris den bisher alarmierendsten Bericht zur Erderwärmung vorgelegt. Selbst bei einem sofortigen Stopp der Treibhausgasemissionen würde sich die Atmosphäre noch Jahrhunderte weiter aufheizen, lautet der schockierende Befund.

An dem Bericht haben mehr als 500 führende Klimaforscher sowie Vertreter von 113 Staaten mitgearbeitet. Deswegen genieße er "die Akzeptanz aller Regierungen der Welt", sagte IPCC-Präsident Rajendra Pachauri. "Die Debatte muss ab heute zu Ende sein, und die Politik muss handeln", fasste der Chef des UN-Umweltprogramms (UNEP), Achim Steiner, die Botschaft zusammen.

"Es ist später als wir gedacht haben"
An der Verantwortung des Menschen für die "beispiellose" Klimaveränderung gibt es für die US-Wissenschaftlerin Susan Solomon, die maßgeblich an der Studie beteiligt war, keinen Zweifel mehr. "Es ist später als wir gedacht haben."

Die Temperaturen stiegen in den vergangenen 50 Jahren doppelt so schnell wie in den 100 Jahren zuvor, heißt es in dem Bericht. Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft hat seit 1750 um 35 Prozent zugenommen, der aktuelle Wert ist der höchste der letzten 650.000 Jahre. Der Hauptgrund ist die Nutzung fossiler Brennstoffe.

Bis zu 6,4 Grad Erwärmung
Für die Zukunft haben die Forscher auf Basis verschiedener Modelle sechs Szenarien entworfen: Im günstigsten Fall heizt sich die Atmosphäre um 1,8 bis 2,9 Grad auf, im schlimmsten um 2,4 bis 6,4 Grad. Zwei Grad gelten als Grenzwert, nach dessen Überschreitung die Klimamaschine möglicherweise nicht mehr zu stoppen wäre. Am größten ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Temperaturen 2100 zwischen 1,8 und vier Grad über den heutigen Werten liegen. Im vergangenen Jahrhundert erwärmte sich die Erde um 0,74 Grad.

Meeresspiegel einen halben Meter höher?
In der Folge des Klimawandels wird der Meeresspiegel um 18 bis 59 Zentimeter steigen, prognostizieren die Forscher. In ihren Berechnungen haben sie allerdings die jüngste überraschend starke Eisschmelze in Grönland und der Antarktis nicht berücksichtigt. Weitere zehn bis 20 Zentimeter seien möglich, wenn das schnelle Abschmelzen des Polareises fortschreite. Gegen Ende des Jahrhunderts könnte das Schelfeis am Nordpol "nahezu vollständig" verschwunden sein.

"Millionen Klimaopfer"
"Wenn nichts geschieht, wird es Millionen Klimaopfer geben und es werden Kosten von hunderten Milliarden Euro entstehen, um sich auf die Veränderungen einzustellen", sagte Co-Autor Kevin Trenberth.

Doch selbst bei einem sofortigen Emissionsstopp, der wegen des Energiebedarfs der wachsenden Weltbevölkerung kaum möglich scheint, rechnen die Forscher noch mit einem Anstieg um 0,6 Grad. Auch dann würde der Meeresspiegel noch "mehrere Jahrhunderte steigen". Die Forscher machen den Treibhauseffekt bereits jetzt dafür verantwortlich, dass es mehr heiße Tage und weniger kalte Nächte gibt, dass sich Hitzewellen, Überflutungen und Dürren häufen und dass Wirbelstürme insbesondere über dem Atlantik immer stärker werden.

Düsterer Ausblick in ferne Zukunft
Noch düsterer ist der Blick über das 21. Jahrhundert hinaus. Eine dauerhafte Erwärmung deutlich über drei Grad würde über Jahrtausende zu einem vollständigen Abschmelzen des grönländischen Inlandeises führen. Der Meeresspiegel würde dann um sieben Meter steigen.

Hoffen auf Konsequenzen
UNEP-Chef Steiner erhofft sich von dem Bericht eine historische Zäsur. "Die Frage der Urheberschaft stellt sich nicht mehr. Die Aufmerksamkeit muss sich jetzt darauf richten, den Klimawandel zu bekämpfen", sagte er in Paris. Wer jetzt nicht handele, werde als verantwortungslos in die Geschichtsbücher eingehen. Der IPCC wird im Laufe des Jahres einen weiteren Bericht mit Strategien gegen den Klimawandel vorlegen.

Von Seiten der EU wird nun die Forderung nach neuen Verhandlungen laut: EU-Umweltkommissar Stavros Dimas hat "dringend" dazu aufgerufen, ein neues Klimaschutzabkommen auszuarbeiten.

"Zeit für Revolution politischen Handelns"
Deutschland und Frankreich forderten die Gründung einer Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEO): "Die Zeit für Halbheiten ist vorbei", sagte der französische Präsident Jacques Chirac: "Der Tag rückt näher, an dem der Klimawandel jeder Kontrolle entgleitet. Es ist Zeit für eine Revolution des politischen Handelns." Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel sagte Chirac auf der Konferenz die Unterstützung Berlins für das UNEO-Projekt zu.

US-Regierung "begrüßt" Bericht
Die US-Regierung hat den UN-Bericht begrüßt. Die zentralen Erkenntnisse des veröffentlichten Berichts seien "eine wertvolle Informationsquelle für politische Entscheidungsträger", betonte die US-Delegationsleiterin beim UN-Umweltgremium IPCC, Sharon Hays, in einer vom Weißen Haus verbreiteten Erklärung.

Die USA spielten schon lange eine "führende Rolle in der Klimaforschung", heißt es. Seit 2001 habe US-Präsident George W. Bush insgesamt 29 Milliarden Dollar (gut 22 Milliarden Euro) für dieses wissenschaftliche Feld zur Verfügung gestellt. Zuvor hatten Wissenschafter allerdings vor dem US-Kongress berichtet, dass sie gezwungen worden seien, Studien über Klimaerwärmung und den Einfluss des Menschen auf diese Entwicklung auf Druck des Weißen Hauses zu manipulieren.

Der UN-Bericht biete eine Fülle an Informationen auch über den menschlichen Beitrag zur Erderwärmung in den vergangenen 50 Jahren, meinte Hays. Bush, der sich lange sehr skeptisch über die Warnungen von Wissenschaftern äußerte und die Unterzeichnung des Kyoto-Abkommens verweigert, hatte kürzlich erstmals in überraschender Deutlichkeit den Klimawandel als "ernste Entwicklung" bezeichnet. Die USA würden nun Pläne zur Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes vorantreiben.

(apa/red)

7.3.2007 10:21