Sonntag, 21. Jänner 2007

Angst vor der Hitze: Der Klimawandel wird zur teuersten Naturkatastrophe aller Zeiten!

  • FORMAT: Gletscher schmelzen, mehr Wetterextreme
  • Urlaubsparadiesen Malediven & Seychellen droht Aus

Kein Mensch kannte Shishmaref. Nur Kartografen war das kleine Dorf auf einer nördlich von Alaska gelegenen Insel, das 600 Inuit Heimat bedeutet, einen Eintrag in örtliche Schifffahrtskarten wert. Doch nun scheint die 4.000 Jahre alte Siedlung als Budgetposten des Bundesstaates Alaska auf. Der benötigte Betrag: rund 200 Millionen Dollar. Verwendungszweck: Absiedlung. Grund: Klimawandel. Die auf Permafrostböden errichteten Häuser stürzen ein, die traditionelle Jagd nach Robben und Karibus bringt wegen der zu früh einsetzenden Eisschmelze keine Beute mehr, und neue Insektenarten machen das Fleisch madig, das traditionell zum Trocknen ins Freie gehängt wird. Das ganze Dorf siedelt nun aufs Festland um, drei Kilometer weg vom Meer, das immer höher steigt.

Shishmaref, da sind sich die Klimaforscher einig, steht nur am Anfang einer Kette unerbittlicher Konsequenzen, die die Aufheizung der Erde - 0,8 Grad Celsius in den vergangenen hundert Jahren - mit sich bringt. Und 200 Millionen Dollar, das kalkulierte kürzlich ein Team hochkarätiger Ökonomen um den britischen Experten Sir Nicolas Stern, sind eine Lappalie verglichen mit den Kosten, die die Erderwärmung für die globale Wirtschaft bringt, wenn nicht rasch gegengesteuert wird.

5,5 Billionen Euro jährlich
Sollten die Emissionen der Treibhausgase bis 2050 weiter zunehmen wie bisher, dann - so die 700 Seiten starke Studie - würde das einen Verlust an weltweiter Wirtschaftsleistung von 5,5 Billionen Euro verursachen. Und zwar jährlich. Das ist mehr als sämtliche Sachschäden, die im 1. und 2. Weltkrieg verursacht wurden. Nicht ohne Grund bezeichnet daher Stern, ehemals Chefökonom der Weltbank, die Kosten für notwendige Gegenmaßnahmen als Investitionen. Sie seien Versicherungsprämien oder betrieblicher Security ähnlich, deren Aufwand dazu dient, künftige Schäden abzuwenden.

Der Klimawandel wirkt sich regional äußerst unterschiedlich aus. Am schlimmsten betroffen sind die wirtschaftlich schwachen Entwicklungsländer, da sie vielfach in Regionen liegen, die klimatisch ohnehin benachteiligt sind. Laut Stern-Report droht diesen Staaten ein Minus der Wirtschaftsleistung von mindestens zehn Prozent. Afrika, Südamerika und Teile Asiens drohen Dürren, Versteppung und Überflutungen mit dramatischen Konsequenzen. Steigen die Treibhausgasemissionen ungehemmt weiter, so werden sich bis zum Jahr 2050 rund 200 Millionen Menschen auf die Flucht vor einer immer lebensfeindlicheren Umwelt begeben - in Zentralafrika wegen der Ausdehnung der Wüsten, an der indischen Küste wegen des steigenden Meeresspiegels, der zu Überflutungen im Indus-und Gangesdelta führt. Das wird die sozialen Spannungen und nicht zuletzt die Verteidigungskosten der um ihren Wohlstand ringenden Festung Europa drastisch erhöhen. Klimaexpertin Helga Kromp-Kolb: "Wo sollen denn die Menschen hin? Ich erwarte durch den Klimawandel neue Kriege".

Urlaubsparadiese versinken im Meer
Auch Urlaubsparadiesen wie den Malediven oder den Seychellen droht das Aus. Bis zur Jahrhundertwende wird der Wasserspiegel 50 bis 80 Zentimeter ansteigen. Für die bloß zwei Meter aus dem Ozean ragenden Atolle bedeutet das "Land unter" bei rauer See. Doch nicht nur über, auch unter Wasser zeigt der Klimawandel Wirkung. Die höhere CO2-Aufnahme der Meere führt zu einer Übersäuerung des Wassers und bedroht die empfindlichen Korallenriffe. Die Tourismusbetriebe am Great Barrier Reef in Australien zählen bereits zu den aussterbenden Arten.

Europa wird die Erderwärmung durch das Abschmelzen der Gletscher sowie vermehrte Wetterextreme zu spüren bekommen. So rechnet der weltgrößte Rückversicherer Swiss Re bis zum Jahr 2085 mit einem Ansteigen der Sturmschäden in Deutschland um 114 Prozent. Auch Flutkatastrophen wie das sogenannte Jahrhunderthochwasser 2002 werden den Status des abnormen Einzelfalls verlieren.

Niederlanden droht bitteres Schicksal
Tourismus-Destinationen wie Italien, Spanien und Griechenland werden massiv an Attraktivität einbüßen. Dem gegenüber dürfen sich Norddeutschland, aber auch Skandinavien über eine steigende Zahl von Urlaubern freuen. Das bitterste Schicksal droht den Niederlanden: 70 Prozent des Staatsgebiets wären bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter gefährdet. Laut einer aktuellen EU-Studie würde der Anstieg des Meeresspiegels in Europa 5,9 Milliarden Euro Schaden bis 2020 bringen.

Die global verhängnisvollste Konsequenz der Erderwärmung erwarten die Wissenschaftler für das Amazonasbecken. In Brasilien reicht ein weltweiter Temperaturanstieg von drei bis vier Grad, um den mächtigsten Strom der Welt austrocknen zu lassen, da dann die Verdunstung der zahllosen verästelten Flussarme die jährliche Niederschlagsmenge übersteigt. Der größte Regenwald der Erde - und damit der größte CO2-Absorber - würde binnen weniger Jahrzehnte versteppen, was die Erderwärmung noch weiter beschleunigte. WWF-Klimaexperte Markus Niedermair analysiert: "Während das Grönlandeis viele Jahrezehnte benötigt, um zu schmelzen, könnte der Amazonas infolge anhaltender Dürre besonders rasch versiegen."

Die wirtschaftlichen Folgen wären, so der Stern-Report, unabsehbar: "Auch wenn die tatsächlichen Folgen des Klimawandels schwer genau vorhersehbar sind", so die Ökonomen, "ist klar, dass die Kosten für Maßnahmen zum Klimaschutz bei weitem unter den volkswirtschaftlichen Schäden liegen, die ein Business-as-usual-Ansatz mit sich brächte." Bei raschem Handeln schätzten die Experten die Kosten für eine effiziente Reduktion der Luftverschmutzung auf ein Prozent des weltweiten BIP. Die Schäden einer Erwärmung um fünf Grad bis 2100 liegen demgegenüber bei jährlich zwischen fünf und zehn Prozent des weltweiten BIP, in den Entwicklungsländern noch deutlich darüber.

Klimaforscher: Es ist noch nicht zu spät
Aus Sicht der Klimaforscher ist es noch nicht zu spät, um eine Katastrophe abzuwenden. Wichtigster Schritt wäre die Reduktion des CO2-Ausstoßes. Um dauerhafte Stabilität zu erreichen, muss er auf fünf Gigatonnen pro Jahr gesenkt werden, was der Absorptionsfähigkeit der Biosphäre entspricht. Derzeit liegt der Ausstoß jedoch bei 25 Gigatonnen, was bis zum Jahr 2050 eine Reduktion um 80 Prozent notwendig macht. Die einzige Möglichkeit, das zu erreichen, ist eine drastische Besteuerung von CO2-Emissionen beziehungsweise eine Förderung von alternativen Produktionsweisen und Energieträgern, wie sie die EU in ihrer neuen Klimastrategie fordert. Brüssel möchte den CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Für eine effektive Bekämpfung des Treibhauseffekts ist internationale Solidarität nötig - die allerdings fehlt.

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21.1.2007 07:48