Donnerstag, 18. Jänner 2007

Soll Serbien in die Europäische Union?
Ein Land zwischen Hoffnung und Skepsis

  • Klare Mehrheit der Serben für einen EU-Beitritt

Mit dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens Anfang dieses Jahres ist Serbien im Norden und Osten von EU-Staaten "umzingelt" - und das von Ländern, die in den Augen vieler Serben noch in den 80er und 90er Jahren als unterentwickelte und arme Staaten betrachtet wurden. Gerade diese Länder schafften aber etwas, von dem Serbien noch nicht einmal ganz genau weiß, ob es das überhaupt wirklich will.

Nach allen Umfragen ist eine klare Mehrheit der Serben für den EU-Beitritt. Die Hoffnung, endlich Mitglied "Europas" zu werden, ist groß. Erwartet werden in erster Linie ein besseres und einfacheres Leben, bessere sozio-ökonomische Verhältnisse, Arbeitsplätze, eine bessere Zukunft für die Kinder und Reisen ohne Visa. Zugleich gibt es aber auch ein gewisses Maß an Skepsis, ob ein Beitritt tatsächlich Vorteile für das Land bringen würde.

"Die Rosen werden sicher nicht gleich blühen, aber schlechter kann es wahrlich nicht werden", glaubt die 50-jährige Hausfrau Stojana. Ihr Mann Milorad hingegen ist skeptischer: "Die Rosen werden in Serbien noch lange nicht nicht blühen. Eher wird die EU in Stücke zerfallen, bevor wir Mitglied werden".

Ins Grübeln gerät auch der 60-jährige Milan: "Ich weiß nicht, ob ein Beitritt gut wäre. Warten wir ab, was in den nächsten zehn Jahren in Europa passiert, vorher nehmen sie uns eh nicht auf. Aber im Grunde kann es nur besser werden, es funktioniert ja bei uns in Serbien so gut wie nichts". Nichts von einem Beitritt will der 40-jährige Taxi-Fahrer Milutin wissen: "Was sollen wir dort? Wollen sie uns überhaupt? Sicher nicht! Die stellen immer nur Bedingungen, seit zig Jahren. Ich brauche die EU nicht, wir überleben auch so".

Die 28-jährige Sonja hingegen hofft, dass ihr "Traum, eines Tages in der EU zu leben, wahr wird. Die Lebensqualität wird sicher besser, die Lebensstandards und die Bildungschancen werden steigen, es wird eine größere Sicherheit geben und vor allem: Ich werde endlich ohne Visa reisen können", lächelt die Studentin und fügt mit einem traurigen Blick gleich hinzu: "Aber das wird noch lange dauern. Das ist mir völlig klar".

Auch die 30-jährige Naca erhofft sich einen raschen EU-Beitritt, "weil wir nicht immer der Welt hinterherlaufen können". "Mit der Mitgliedschaft hätten wir sicher ein besseres und einfacheres Leben und ich könnte endlich wieder reisen." Der gleichaltrige Cvijo ist etwa skeptischer: "Sicher bin ich auch für den Beitritt, aber es wird uns so gut wie nichts bedeuten, da es noch sehr lange dauern wird".

Für die 30-jährige Journalistin Jelena ist der EU-Beitritt "sehr notwendig". "Bevor wir aber irgendwelche Bedingungen stellen, müssen wir noch viel erledigen. Wenn wir nicht EU-Mitglied werden, droht uns wieder die Isolation. In dieser waren wir schon und ich bin wahrlich nicht neugierig darauf, nochmals in der Isolation leben zu müssen". Auch Jelena hat einen großen Wunsch: Endlich wieder frei reisen können, "ohne lange und mit einem Zittern auf das Visum warten zu müssen".

Auch Jelena befürchtet, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis Serbien EU-Mitglied wird. Gerade diese von vielen Menschen geäußerte Befürchtung und auch viele skeptische Bemerkungen können dahin gehend interpretiert werden, dass die meisten Serben "ungeduldig" sind und lieber heute als morgen Teil "Europas" wären.

(apa/red)

18.1.2007 10:17