Freitag, 12. Jänner 2007

Noch langer Weg bis zur Krebsimpfung: Hoffnung in belgisches Gehirntumor-Projekt

  • Grundlagen sind noch nicht ausreichend erforscht
  • Großer "Gegner" ist Gliom: Rückfall nach drei Jahren

Operation, Bestrahlung und Chemotherapeutika und/oder neue High-Tech-Arzneimittel haben bei vielen Krebserkrankungen nur eine beschränkte Wirkung. Seit dem Aufkommen der modernen Biotechnologie träumen die Wissenschafter deshalb davon, mit immunstimulierenden Impfungen eine weitere Säule der Behandlung aufbauen zu können. Der belgische Wissenschafter Stefaan Van Gool (Leuven) berichtete am St. Anna Kinderkrebsforschungs-Institut (CCRI) in Wien von seinem Projekt einer therapeutischen Impfung gegen Gehirn-Tumoren (Gliome). Doch auch hier steht man wissenschaftlich erst am Beginn, wesentliche Grundlagen sind noch nicht ausreichend erforscht.

"Einer unserer großen Gegner ist das Gliom. Die mittlere Überlebenszeit bei Kindern beträgt zwei Jahre. Bei Erwachsenen kommen solche Tumoren zehn Mal häufiger vor", sagte der Wissenschafter. Binnen drei Jahren nach einer erfolgreichen Behandlung komme es bei allen Patienten nach der Operation zu einem Rückfall. Die neuerdings etablierte Nachbehandlung per Bestrahlung und dem Medikament Temozolomid hat die Zwei-Jahres-Überlebensrate bei den Kranken zwar von zehn auf 26 Prozent erhöht, doch die Aussichten für die Patienten sind damit trotzdem weiterhin ausgesprochen schlecht.

Impfung als viertes Standbein
Van Gool: "Es ist also die Frage, ob wir als viertes Standbein der Therapie nicht auch eine Impfung hinzufügen sollten." Die belgischen Wissenschafter haben dazu ein System entwickelt, wie es auch bei Melanomen, Lymphomen, Prostatakrebs etc. von Forschern bereits erprobt wurde: Die Beladung von dendritischen Zellen mit Tumor-Antigenen und ihre nachfolgende Verwendung als Vakzine, um bei den Patienten eine Immunreaktion gegen die bösartigen Zellen in Gang zu bringen. Van Gool und seine Mitarbeiter verwenden dazu aus dem Blut gewonnene Monozyten der Patienten, die in der Zellkultur unter Einfluss von Immunbotenstoffen und Wachstumsfaktoren in Kontakt mit Tumorantigenen zu solchen dendritischen Zellen ausgereift werden. Rund 130 Patienten erhielten sie als individuelle Vakzine mehrfach unter die Haut injiziert.

Keine großen Nebenwirkungen
Der belgische Wissenschafter: "Bei Patienten über 20 Jahren hat diese Immuntherapie einen gewissen Effekt auf die Kontrolle der Erkrankung. Es gab fast keine größeren Nebenwirkungen." In Einzelfällen kam es zu einer langfristigen Rückbildung der Tumorerkrankung.

Details noch nicht bekannt
Doch die Crux liegt in den Details: Noch ist nicht bekannt, welche Zellen in welchem Ausreifungsstadium am besten für die Formulierung einer Tumorvakzine geeignet sind. Auch die optimale Kultivierungsmethode ist noch nicht bekannt. Und schließlich darf gerade bei einer Impfung, die Immunreaktionen gar im Gehirn auslösen soll, dieser Effekt keinesfalls zu stark sein. Würden Probanden nämlich als Nebenwirkung der Impfung an einer Entzündungsreaktion (Enzephalitis) des Gehirns erkranken, wäre die geplante Gliom-Impfung wohl sprichwörtlich gestorben. Van Gools sucht nun in ganz Europa Kooperationspartner, um die Entwicklung der Vakzine auf eine breitere Ebene zu stellen.

(apa/red)

12.1.2007 14:00