Dienstag, 9. Jänner 2007

Sozialdienst für Studenten? Reaktionen der Hilfsorganisationen fallen vorsichtig aus

  • Rotes Kreuz: Vergütung Abwertung für soziale Arbeit
  • Scharfe ÖH-Kritik: Gusenbauer Modell geht ins Leere

Eher vorsichtig reagierten Hilfsorganisationen auf den Koalitionsvorstoß, dass Studenten in Zukunft die Studiengebühren mittels Sozialdienst abdienen können. Die Sache sei reichlich unausgegoren, hieß es dazu etwa seitens des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK). Caritas-Präsident Franz Küberl forderte gegenüber der APA, dass in die "im Prinzip gute Idee" noch eine Menge investiert werden muss, damit die Sache ein Erfolg wird.

"Wenn ein Student etwa als Rettungssanitäter arbeiten möchte, so ist dazu eine Ausbildung von 100 Stunden Theorie und 160 Stunden Praxis nötig", so ÖRK-Sprecher Bernhard Jany. Abgesehen von der offenen Kostenfrage für die Ausbildung müssten Studierende diese 260 Stunden einmal investieren, bevor sie als Mitarbeiter im Rettungsdienst zum Einsatz kommen. Jany kann sich vorstellen, dass die Sache für jene Personen interessant wäre, die ohnehin bei Hilfsorganisationen tätig sind und die Ausbildung bereits absolviert haben. Häufig interessieren sich beispielsweise Medizinstudenten für eine Mitarbeit im Rettungsdienst, um erste praktische Erfahrungen für ihren späteren Beruf zu sammeln.

Völlig indiskutabel ist nach Ansicht des ÖRK-Vertreters die Vergütung von 6 Euro für die absolvierte Stunde. "Damit wird die soziale Arbeit in Österreich abgewertet", so Jany. Auf Grund der geringen Bezahlung erwartet man beim Roten Kreuz auch keinen Ansturm von Studenten, das Zivildienstloch werde damit jedenfalls kaum zu füllen sein.

Caritas-Chef Küberl grundsätzlich positiv
Küberl steht der Sache grundsätzlich positiv gegenüber. Jede Maßnahme sei zu begrüßen, durch die soziale und ökologische Kompetenz in der Bevölkerung gefördert würde. Damit die Aktion "Sozialdienst für Studiengebühren" ein Erfolg wird, ist nach Ansicht Küberls aber noch viel Arbeit nötig. "Wenn ernsthaftes Interesse besteht, dass die Aktion ein Erfolg wird, muss sie zu Ende gedacht werden, wir brauchen eine ausgereiftes Modell", so Küberl. Es dürfe keinesfalls der Eindruck entstehen, dass sich nur jene Menschen sozialen Diensten zuwenden, die arm sind.

Keinesfalls möchte Küberl die Sozialarbeit am Geld alleine aufhängen. Vielmehr sollte ein Student mehrfachen Nutzen davon haben, etwa in Form einer zusätzlichen Qualifikation für einen späteren Beruf. Dazu wären auch universitäre Begleitveranstaltungen zur Sozialarbeit zu überlegen.

Nachhilfeorganisation hat Platz
Durchaus Platz für Studenten hat man bei der privaten Nachhilfeorganisation "LernQuadrat". "Wir nehmen ohnehin jährlich 150 bis 200 neue Mitarbeiter für Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung auf, ein guter Teil sind Studenten", erklärte dazu Geschäftsführer Konrad Zimmermann. Allerdings werde bei weitem nicht jeder aufgenommen, jährlich führe seine Firma etwa 1.000 Bewerbungsgespräche durch. Nach der Aufnahme muss der Bewerber noch Ausbildungsseminare besuchen, die allerdings von "LernQuadrat" finanziert werden. Im Anschluss geht es bereits ans Verdienen, rund 15 Euro Stundenverdienst kann ein Nachhilfelehrer erwarten.

ÖH: Arbeitsmarktpolitische Schnapsidee
Nach näherer Betrachtung des Modells in Sachen Studiengebühren zeigt sich für die Österreichische HochschülerInnenschaft vor allem eines: "Studiengebühren wurden nicht abgeschafft. Das Gusenbauer Modell geht ins Leere. Es gibt keine Zielgruppe dafür", so Barbara Blaha aus dem ÖH-Vorsitzteam. Der Ankündigung Gusenbauers, Studierende sollen als NachhilfelehrerInnen eingesetzt werden, kann Blaha nichts abgewinnen: "Als NachhilfelehrerIn verdiene ich rund 15 Euro pro Stunde. Wieso sollte ich dann freiwilligen Dienst für umgerechnet 6,05 Euro die Stunde machen?"

Für eine Verhöhnung des gesamten Pflegepersonals hält Lina Anna Spielbauer, aus dem ÖH-Vorsitzteam, den Vorschlag Gusenbauers. "Zu sagen: Pflegen, das kann ohnehin jeder dahergelaufene StudentIn ist ein Schlag ins Gesicht der PflegerInnen." Spielbauer bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussion ein: "Die Maßnahme ist nicht nur keine Verbesserung für Studierende, sondern auch arbeitsmarktpolitisch eine Schnapsidee. Den Arbeitsmarkt mit Billigarbeitskräften zu überfluten zeugt nicht gerade von Weitblick. Was dadurch passieren wird ist Lohndumping im Sozialbereich."
(apa/red)

9.1.2007 14:00