'Österreich erwartet zu viel von Sportlern!': Thomas Muster rechnet im NEWS-Talk ab
- Ex-Tennisheld sprach vor Aussie-Reise mit NEWS
- "Sportler sind im Vergleich zu Managern unterbezahlt"
Thomas Muster, Ex-Kapitän des österreichischen Davis-Cup-Teams, übersiedelt für die nächsten Monate ans andere Ende der Welt, nach Australien. Vor dem Sprung nach Down Under sprach er mit NEWS über die Oldies-Tour, das heimische Tennis, die Ski-und Fußballpleiten.
NEWS: Sie sind im Finale des Masters ausgeschieden, auf der Championstour Gesamtdritter - das kann den bekannt ehrgeizigen Thomas Muster doch nicht zufriedenstellen?
Muster: Ich habe weniger gespielt als in den Vorjahren und hatte auch nicht viel Zeit ins Training investieren können, möchte aber nächste Saison mehr spielen. Und ich werde mich bemühen, auf einen Fitnesslevel zu kommen, damit ich nächstes Jahr dem Ansturm der nachdrängenden Jüngeren Paroli bieten kann.
NEWS: Ihr Ehrgeiz ist also ungebrochen?
Muster: Ich bin immer ehrgeizig. Auch wenn ich nur wenig trainiere, will ich trotzdem jedes Match gewinnen. Aber irgendwann kommt dann der Punkt, wo dir die Matchpraxis fehlt. Die Genauigkeit, das Timing, die Beinarbeit - das passt alles einfach nicht mehr.
NEWS: Streben Sie denn auch im Oldie-Tennis wieder die Nummer eins an?
Muster: Der Beste zu werden wird schwierig werden, aber du musst einfach was machen, wenn du noch drei, vier Jahre spielen willst. Ich werde nächstes Jahr 40, und es sind Spieler mit 33 dabei. Man sieht's am besten beim John McEnroe, der ist 46, spielt aber jeden Monat drei, vier Turniere. Der lebt Tennis, macht sonst nichts und kann auf hohem Level spielen. Obwohl es auch für ihn immer schwieriger wird, weil irgendwann holt dich im Sport unweigerlich die Zeit ein.
NEWS: Was taugt Ihnen so an dieser Tennisserie?
Muster: Ich glaube, dass die Tour qualitativ hochwertig ist, es kommen immer mehr Junge nach, sodass immer mehr Turnierdirektoren dafür Begeisterung zeigen, die Zuschauerzahlen sind super. Wenn man das richtig aufzieht und promotet, wie das jetzt der Fall ist, wird das sicher für die ATP ein zweites Standbein wie im Golf die European Tour. Und: Tennis ist Teil meines Lebens. Alles, was ich mir aufgebaut habe, kommt vom Tennis. Das kann ich nicht ausradieren.
NEWS: Das haben Sie aber doch einmal versucht, als Sie vor ein paar Jahren nicht einmal einen Schläger angefasst haben ...
Muster: Nein, ich wollte damals nur eine Zeit lang nicht Tennis spielen. Wenn man etwas so lange macht, hat man den Drang, einmal nichts zu tun.
NEWS: Beim Tourfinale geht's um 100.000 Dollar. Verdient man jetzt auf der Tour gut?
Muster: Das Finale ist das einzige Turnier, wo es einen Bonus gibt, aber in Wahrheit besteht die Championstour nicht aus Preisgeldern. Sie zahlt fixe Startgelder und Bonuszahlungen nach Erfolg. Du hast einen Marktwert, und danach kann man verdienen.
NEWS: Wie viel kann man ungefähr verdienen?
Muster: John McEnroe tritt unter 80.000 Dollar pro Turnier gar nicht an. Und der spielt 50 Events im Jahr. Also kann man sich's leicht ausrechnen.
NEWS: Hand aufs Herz, hat Ihr Mitspielen auf dieser Tour auch ein bissl mit dem Nicht-loslassen-Können zu tun?
Muster: Ich kann super loslassen und ohne die Tour leben, aber es macht mir ganz einfach Spaß, 10-, 15-mal im Jahr zu spielen. Dazu kommen die Faktoren Fitness und Lobbying. Ich kann von Graz über London bis Hongkong Connections nützen, die für mich geschäftlich total interessant sind. Das betrifft meinen Wein, meine Bekleidungslinie, Eyewear, mein Wasser und Toms Machine von Kneissl. Den Schläger kennt man noch von 1997. Kneissl ist jetzt wirtschaftlich wieder gesundet.
NEWS: Thema Geld: Finden Sie, dass im Sport, zumindest in gewissen Sparten, zu hohe Gagen bezahlt werden?
Muster: Nein. Im Gegenteil, ich finde, dass im Sport viel zu wenig gezahlt wird.
NEWS: Zu wenig?
Muster: Ja, wenn ich das mit den Honoraren der Besten in anderen Metiers vergleiche. Ich denke da vor allem an Manager in der Ölbranche - was die für Jahresgagen haben! Wäre ein Michael Schumacher oder ein Tiger Woods in der internationalen Wirtschaft tätig, würden sie wahrscheinlich locker das Dreifache verdienen.
NEWS: Das An-die-Spitze-kommen-Wollen, so wie das Sie, ein Lauda, ein Maier praktiziert haben, geht aber dem österreichischen Durchschnittssportler ab.
Muster: Die Öffentlichkeit erwartet sich viel zu viel von unseren Sportlern. Wir erwarten uns von unserem Land die irrsinnigsten Dinge, etwa überall die Besten zu sein. Wir sind ein Winzigland. Wir müssen mit dem, was wir im Sport bis jetzt erreicht haben, zufrieden sein. Wir sind vielleicht im Skisport top - das ist topografisch bedingt, da sind wir bevorzugt -, und das ist nicht so überraschend. Aber dass es in Österreich so viele gute Formel-1-Fahrer gibt, ist schon verwunderlich. Oder einen Werner Schlager im Tischtennis. Ebenso, dass ich die Nummer eins im Tennis war - das sind absolute Ausnahmen. Wir messen uns immer mit den absoluten Größen, aber im Durchschnitt ist Österreich ein kleines Land mit einer Reputation, die von einer Sportnation meilenweit entfernt ist. Skifahren ist kein internationaler Sport wie Tennis.
NEWS: Zur Zeit herrscht Katerstimmung, weil wir nicht einmal mehr beim Skifahren gewinnen.
Muster: In Wahrheit fände ich es ja ganz gut, wenn wir einmal nix reißen, weil man sieht es eh als selbstverständlich an, dass ein Österreicher gewinnt. Es hat ja auch früher Jahre gegeben, wo wir im Skifahren nicht alles abgeräumt haben. Aber Maier und Co werden auch heuer wieder etwas gewinnen, völlig müßig, das zu diskutieren.
NEWS: Ihre Bilanz als Davis-Cup-Kapitän?
Muster: Wir haben mit zwei Ausnahmen in den letzten Jahren immer in der Tennisweltgruppe gespielt. In einem Bewerb, der als größter Mannschaftssport der Welt gilt. Ich muss es jetzt wieder sagen, auch wenn ich den Fußballern nicht zu nahe treten will: Wir sind heute im Tennis so weit, dass wir gegen Mannschaften spielen, gegen die wir im Fußball gar nicht antreten dürfen - weil wir nicht qualifiziert sind. Wer über Jürgen Melzer oder über Stefan Koubek lästert, vergisst: Die gehörten bzw. gehören noch immer zu den besten 50 der aus 2.000 Spielern bestehenden Weltrangliste. Und der Melzer kann die Nummer 20 werden, wenn er an sich arbeitet und alles zusammenpasst. Er ist nicht zu alt, das zu erreichen. Da gehört aber auch eine gewisse Härte dazu, das durchzuziehen.
NEWS: Warum sind Sie trotz des Erfolgs als Kapitän abgetreten?
Muster: Ich glaube, wir haben erreicht, was möglich war. Aber mehr als zwischen Relegation und Weltgruppe zu pendeln ist derzeit nicht drin. Das ist ein Job, der mich einfach nicht befriedigt, weil für mich ist es nur interessant, wenn ich sehe, dass etwas nach vorne weitergeht.
NEWS: Als bekennender Sturm-Graz-Fan machen Sie zur Zeit eine harte Phase durch ...
Muster: Der heimische Fußball braucht solche Typen wie den Hannes Kartnig, um überhaupt überleben zu können. Er hat sicher Fehler begangen. Vor allem den, dass er nicht nach der Champions League abgetreten ist. Dann wäre er als größter Präsident in die Annalen eingegangen. Aber das hat er aus Eitelkeit und wegen Nicht-loslassen-Könnens nicht geschafft.
NEWS: Was wird uns die Euro 2008 im eigenen Land bringen?
Muster: Gar nix! Hätten wir ein tolles Nationalteam, wäre die Euphorie groß. So bleibt nur die Hoffnung, dass der Fremdenverkehr profitiert und wir als Veranstalterland für die tolle Organisation gelobt werden.
NEWS: Das klingt, als würden Sie in Australien eine Auszeit von Österreich nehmen?
Muster: Nein, überhaupt nicht. Aber ich habe eine Beziehung zu Australien: einen Sohn, der nächstes Jahr sechs wird, in die Vorschule geht und zu dem ich eine positive Beziehung aufbauen will. Und das funktioniert nicht mehr so wie bisher, als ich ihn nur wochenweise gesehen habe. Darum bleibe ich jetzt drei Monate lang in Down Under.
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