Dienstag, 26. Dezember 2006

'Vom Täter lernen': Profiler Müller im NEWS- Talk über Erkenntnisse aus dem Fall Priklopil

  • "Die Fakten sprachen dafür, dass das Opfer tot ist"
  • "Meist planen Täter alles vor - bis auf den Exit-Plan"

In NEWS spricht Top-Profiler Thomas Müller über die Wichtigkeit eines posthumen Psychogramms zu Wolfgang Priklopil: ,Wir sollten wissen, was seine Phantasien waren ...'

NEWS: Herr Dr. Müller, als Natascha Kampusch am 2. März 1998 plötzlich "verschwunden" war, wurden Sie gebeten, ein Täterprofil zu erstellen ...

Thomas Müller: Bei der Erstellung eines Täterprofils geht es darum, auf Grundlage eines bestimmten Täterverhaltens Vergleichsfälle zu finden, um daraus Schlussfolgerungen für den aktuellen Fall ziehen zu können. Natürlich haben wir das 1998 auch getan, hatten aber "nur" folgende objektive Kriterien: weibliches Opfer, Tatzeit und Örtlichkeit der Kontrollaufnahme. Üblicherweise liegen uns aber nicht drei, sondern gut zwei Dutzend Informationen vor. Dennoch haben wir unsere Datenbanken befragt - und zehn Vergleichsfälle gefunden sowie Namen von Personen, welche ähnlich vorgegangen sind. Diese Personen wurden alle überprüft.

NEWS: Wolfgang Priklopil ist freilich nicht darunter gewesen. Aber was war all die Jahre, in welchen Natascha verschwunden war, Ihr "inneres Gefühl"?

Müller: Als Kriminalpsychologe habe ich kein "inneres Gefühl". Fakt ist jedoch: Wenn ich die Fakten auch in internationale Datenbanken eingab, sprach die Statistik eine deutliche Sprache: Man musste davon ausgehen, dass das Mädchen tot ist.

NEWS: Und es war doch anders. Wäre es wichtig, auch nachdem der "Fall Natascha" gelöst ist, noch ein Täterpsychogramm zu erstellen?

Müller: Wir versuchen immer, aus abgeschlossenen Fällen zu lernen. Gerade bei der retrograden Aufarbeitung von Täterbiografien haben wir schon viele Erkenntnisse gewinnen können, die wir früher oder später bei aktuellen Fallbearbeitungen dringend benötigten.

NEWS: Wolfgang Priklopil war Perfektionist, ein "Tüftler", hatte niemals eine engere Beziehung zu einer Frau - außer zu seiner Mutter. Sind diese Eigenschaften "typisch" für einen Mann, der ein Kind entführt und es jahrelang in einem Kellerverlies gefangen hält?

Müller: Man kann wohl nicht von "typisch" sprechen, wenn es weltweit nur einen nahezu identen Vergleichsfall gibt - und zwar in Japan im Jahre 2002. Betrachtet man die Gesamtumstände, finden sich jedoch einige Kriterien, die wir bei hochkomplexen Täterpersönlichkeiten immer wieder finden, wie zum Beispiel die stark ausgeprägte Introvertiertheit und eine schwache oder abwesende Vaterfigur.

NEWS: Banaler gefragt: Wie tickt ein Mensch, der ein Kind entführt und zu seinem Gefangenen macht?

Müller: Er folgt seiner Phantasie. Wir haben Interviews geführt und Videobänder ausgewertet, in denen Täter mit ähnlichen strafbaren Handlungen sehr klar und ausführlich darüber gesprochen haben, dass sie sich ihre eigene Welt einschließlich der darin vorkommenden Personen vorher schon immer und immer wieder bis in das einzelne Detail vorgestellt haben. Solche Personen sind in der Regel relativ intelligent, sie sind aber nicht mehr in der Lage, mit Misserfolg oder Widerspruch umzugehen. Das betrachten sie als Störung ihrer "perfekten Welt". So werden nicht nur die leblosen Dinge präzise und eben "zwanghaft" in die richtige Position gebracht, sondern auch die Menschen.

NEWS: Wie suchen diese Täter ihre Opfer aus?

Müller: Wenn wir Leonard Lake und anderen Tätern, welche sich mehrere Jahre mit Bunkern, Gefangenen und mit dem "Herrichten ihrer Sklaven" beschäftigt haben, glauben können, sind die Opfer nicht geplant. Sie werden als Subjekte betrachtet, die man ohnehin zu dem macht, was in der Phantasie vorgegeben ist.

NEWS: Was sind die sexuellen Komponenten dabei?

Müller: Es gibt sexuelle Sadisten, die sich Opfer über Tage, Wochen und Monate behalten und aus der Reaktion des Opfers auf die Qualen, die sie ihm zufügen, sexuelle Befriedigung beziehen. Andere legen "lediglich" Wert darauf, aus ihrem Opfer ein willenloses Geschöpf zu machen.

NEWS: Wie kann es einem Menschen, der ein Kind gefangen hält, gelingen, nach außen hin ein "normales Leben" zu führen?

Müller: Im Prinzip gelingt es uns doch allen, ein Leben in unseren Phantasien zu führen und tagtägliche "normale" Entscheidungen zu treffen. Wenn Sie alle Tagträume und Phantasien aller Menschen in Österreich nur einen Tag in die Realität umsetzen würden, es gäbe mit Sicherheit ein Sodom und Gomorrha. Für einen Täter, der sich einen Bunker baut und ein Kind gefangen hält, ist das die Normalität und vielleicht der gemeinsame Abend mit Freunden etwas Anormales und Unvorstellbares, möglicherweise sogar Grauenvolles.

Das gesamte Interview mit Profiler Thomas Müller finden Sie im aktuellen NEWS!

26.12.2006 09:45