Mittwoch, 20. Dezember 2006

Von Opfer zum "Superstar"? Kritik an medialer Präsenz von Kampusch entkräftet

  • Publizistik-Professor: "Sie hat gar keine andere Wahl"
  • Massenmedien würden sowieso Geschichten bringen

Natascha Kampusch stößt mit ihrer enormen medialen Präsenz rund vier Monate nach ihrer spektakulären Flucht nicht mehr auf ungeteilte Sympathie. In Internet-Foren und Leserbriefen wird der Wandel der 18-Jährigen vom Opfer eines Verbrechens hin zu einer Art "Superstar" mitunter heftig kritisiert. Für den Publizistik-Professor Roland Burkart ist die offensive Strategie ihrer Berater dennoch die einzig richtige. "Sie haben gar keine andere Wahl. Das Interesse der Medien ist noch immer so groß, dass sowieso Geschichten erscheinen würden. So haben sie die Möglichkeit, die Berichterstattung zu lenken", sagte Burkart im APA-Interview.

Mit Weihnachten sei der Zeitpunkt der dritten Tranche an Interviews (u.a. 3. Jänner/20.15 Uhr/ORF 1) zudem "perfekt gewählt". "Hier hätte es auf jeden Fall Berichte gegeben", meinte der Universitätsprofessor. Auch künftig ist damit zu rechnen, dass Kampusch bei bestimmten Anlässen - etwa falls sie ihre Matura nachholen sollte oder bei Jahrestagen - immer wieder in den Medien präsent sein wird. "Es wird vielleicht weniger werden, aber das Interesse wird nicht verschwinden", prognostizierte Burkart.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. "Die Geschichte von Natascha Kampusch ist eine derartige Weltsensation, dass Massenmedien bei ihrer aktiven Suche nach Storys immer wieder darauf zurückgreifen werden", sagte der Burkart. Zudem hätten kommerzielle Medien durchaus auch einen wirtschaftlichen Gewinn davon, das Interesse an der Geschichte "hoch zu halten". Dass die Bevölkerung bereits übersättigt an der Lebensgeschichte der 18-Jährigen ist, glaubt Burkart nicht. "Es gibt dazu aber keine empirischen Daten", schränkte er ein. Die Meinung von Leserbriefschreiber alleine sei jedenfalls nicht repräsentativ, da diese "besonders artikulierende" Menschen seien.

Die ständige Medienpräsenz birgt natürlich auch Gefahren, denn viele Aspekte der Geschichte von Kampusch liegen weiterhin im Dunkeln. Noch immer ist etwa nicht bekannt, wie die Beziehung zwischen Natascha Kampusch und ihrem Entführer, Wolfgang Priklopil, genau gewesen ist und welche Übergriffe in der jahrelangen Gefangenschaft tatsächlich passiert sind. "Das ist die Bombe im Hintergrund", sagte Burkart. Es sei nur sehr schwer vorstellbar, dass diese Aspekte in der kommenden Berichterstattung weiterhin aus Rücksicht auf die 18-Jährige völlig ausgeblendet werden.

Mit ihren vielen Interviews würde Kampusch aber - ob gewollt oder nicht - eines erreichen: Durch das "Zuschütten mit Information" könnte das Publikum letztlich der Geschichte von Kampusch müde und somit die "Bombe im Hintergrund" entschärft werden. Zudem hat Kampusch einen großen Vorteil. Da sich ihr Peiniger umgebracht hat, gibt es außer ein paar engsten Vertrauten niemand, der die ganze Geschichte der 18-Jährigen kennt.

(apa/red)

20.12.2006 11:05