Buben zwischen sechs und neun Jahre alt: Kinder von Fatah-Politiker in Gaza ermordet
- Täter noch unbekannt, Vater war Geheimdienstchef
Der innerpalästinensische Machtkampf nimmt immer grausamere Züge an: In Gaza schossen unbekannte Täter am Montag auf das Auto eines ranghohen Geheimdienstmitarbeiters, Baha Balousha (Balusha), und töteten drei seiner Kinder. Balousha ist ein Gefolgsmann der Fatah-Bewegung von Präsident Mahmud Abbas und Gegner der regierenden Hamas. Ein Hamas-Sprecher distanzierte sich allerdings von der Tat.
Die Attentäter griffen das Fahrzeug an, mit dem die Buben im Alter zwischen sechs bis neun Jahren zur Schule gebracht wurden. Nach Polizeiangaben wurden bei dem Anschlag auch ein 25-jähriger Passant getötet und zwei weitere Kinder verletzt. Der Angriff ereignete sich vor den Toren der Schule und von den Augen zahlreicher Kinder, die gerade zum Unterricht kamen. Unter den Schülern auf der Straße brach Panik aus. Polizisten versuchten, die Kinder zu beruhigen und zu ihren Eltern zu bringen. Hunderte Mütter und Väter strömten ins Krankenhaus, um etwas über das Schicksal ihrer Kinder zu erfahren.
Balousha selbst saß nicht in dem Wagen, dessen Insassen wegen verdunkelter Scheiben von außen nicht zu erkennen waren. Die Täter hätten aus zwei Fahrzeugen heraus geschossen, verlautete aus Sicherheitskreisen. Das Auto sei von etwa 60 Kugeln getroffen worden.
Die Gewalttat steht vermutlich im Zusammenhang mit dem Machtkampf zwischen der Hamas-Bewegung und der Fatah. Der Vater der getöteten Kinder, Oberst Balousha, ist ein hochrangiger Offizier eines Geheimdienstes, der loyal zu Abbas ist. Nach zehnjähriger Regierungszeit hatte die Fatah die Wahlen im Jänner deutlich gegen die Hamas verloren. Die Spannungen zwischen den beiden Gruppen haben sich seither wiederholt in Gewalt entladen. Die Hamas unterhält nach wie vor eine eigene Miliz und hat inzwischen eigene Sicherheitskräfte aufgebaut.
Balousha war bereits im September Ziel eines Anschlags, als Hamas-Extremisten eine ganze Serie von Attentaten gegen führende Offiziere begingen, die loyal zu Abbas sind. Ein hochrangiger Geheimdienst-Mitarbeiter im Westjordanland sagte, die Attentäter hätten sich offenbar bewusst die Kinder Baloushas als Ziel ausgesucht, weil sie an den Offizier selbst nicht herangekommen seien. "Die Mörder wussten, dass Baha nicht in dem Auto saß, weil er nie selbst seine Kinder zur Schule gebracht hat. Sie haben es nicht geschafft, ihn zu töten, also töteten sie stattdessen seine Kinder", sagte er.
Balousha nahm später persönlich am Trauerzug für seine Söhne teil. Dabei stand er unter massivem Personenschutz. Angehörige trugen die drei Kinder in weiße Tücher gehüllt durch die Straßen von Gaza. Rund 2000 Menschen schlossen sich an. Einige Trauernde stürmten mit automatischen Waffen das Parlamentsgebäude und gaben Augenzeugen zufolge Schüsse ab.
Hamas-Sprecher Fauzi Barhum verurteilte den Anschlag als "schreckliches, hässliches Verbrechen an unschuldigen Kindern". Die Täter schadeten den Interessen der Palästinenser, indem sie Chaos verbreiteten, sagte Barhum. Der Abgeordnete Saeb Erekat, ein enger Vertrauter von Präsident Abbas, äußerte sich besorgt über die Folgen des Anschlags und eine mögliche Eskalation der Lage. "Wenn das so weitergeht, wird unser schlimmster Albtraum wahr", nämlich blutige Kämpfe unter den Palästinensern, sagte Erakat.
Zuvor war Hamas-Innenminister Said Siam unverletzt einem Anschlag auf seinen Konvoi entgangen. Das Ministerium erklärte, das Attentat sei "das Ergebnis aufhetzerischer Erklärungen gegen die Regierung". Hamas-Regierungschef Ismail Haniyeh hat Abbas zuletzt vorgeworfen, seine Regierung stürzen zu wollen.
Abbas plant Angaben seinen Beratern zufolge die Krise in den Palästinenser-Gebieten mit vorgezogenen Wahlen zu beenden. Monatelange Gespräche zwischen der Fatah und der Hamas über die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit sind gescheitert. Abbas wollte damit ein Ende der internationalen Sanktionen gegen die Palästinenser-Regierung erreichen. Die Europäische Union (EU), die Vereinten Nationen (UNO), Israel und die USA verweigern eine Zusammenarbeit mit der Hamas, weil sie Israel nicht anerkennt und nicht auf Gewalt verzichten will.
(APA/red)
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