Aktenordner statt Emotionen: ÖGB siedelt in Interimsquartier am Wiener Laurenzerberg
- Alte Zentrale am Ring muss bis Sonntag geräumt sein
- Insgesamt 150 Fahrten mit 6500 Umzugskartons

·Großgewerkschaft
"Vida" ist gegründet
Bundespräsident Fischer sieht tolle Perspektiven
·Neugebauer droht ÖGB mit Zahlungsstopp
Beamten-Chef fährt schwere Geschütze auf
Die Emotionen, so schätzt es ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer ein, kommen sicher später. Auch wenn es für ihn heißt, sein altes Büro in der Wipplingerstraße zu räumen. Mit ihm siedeln etwa 260 Mitarbeiter in das Interimsquartier am Laurenzerberg im 1. Wiener Bezirk. Von diesen weiß Hundstorfer, dass sie die Trennung von der alten Zentrale sehr wohl mit einer "gewissen Wehmütigkeit" hinnehmen. Nur der Chef des in Turbulenzen geratenen Gewerkschaftsbundes selbst hat derzeit keinen Platz für große Gefühle - "auf Grund der Gesamthektik".
Vor den Gewerkschaftern hatten sich im selben Gebäude im 13. Jahrhundert die Laurenzerinnen, die dem Dominikanerorden unterstellt waren, breit gemacht. 1875 zog die k. & k. Postverwaltung ein. Und nun eben der ÖGB, der hier verweilen will, bis eine neue Zentrale errichtet ist. Vorerst gilt es allerdings etwa zwei Jahre hier zu arbeiten, auch beten könnte nicht schaden. Und vor allem sparen: "Wir haben irrsinnig minimalistische Neuzukäufe", erzählt Hundstorfer, der den Umzug beobachtet. Weggeworfen werden lediglich Altmöbel, die nicht mehr zu brauchen sind.
Der brauchbare Rest muss an der neuen Adresse angelangt sein, für die Räumung der "hinteren Hütte" - so wird ÖGB-intern die Adresse Wipplinger Straße 33 genannt - wurde eine Frist bis Jahresende eingeräumt. Für die beauftragte Spedition heißt das, 150 Fahrten in vier Tagen zu erledigen. 6.500 Kartons mit einem Volumen von 2.500 Kubikmetern werden nun quer durch die Innenstadt gekarrt, darunter 65.000 Aktenordner. Acht bis zwölf Pakete werden pro Mitarbeiter geliefert, die Blumen müssen privat umgesiedelt werden. Hundstorfer wartet übrigens auf sechs Kartons. "Ich bin einer, der eher weggibt und weitergibt", meint er dazu.
Ein ganzes Stockwerk des Bürogebäudes wird vom ÖGB beansprucht, insgesamt ist man auf vier Etagen verteilt. Der Platz im vorläufigen Quartier ist dennoch beschränkt. Lediglich 4.800 Quadratmeter stehen in dem Provisorium zur Verfügung, ein Drittel weniger als in der alten Zentrale. Mit ein Grund, warum man bei Vorstandssitzungen ausweichen muss.
Dass manches beinahe zu gut funktioniert, zumindest den Umzug betreffend, hat Hundstorfer am Vortag bemerken müssen, als er gerade das Parlament verlassen hatte. Pünktlich um 16.30 Uhr waren sämtliche Telefonleitungen in der alten Zentrale abgedreht, auch der Computerserver legte ab diesem Zeitpunkt eine Pause ein. Allerdings nur bis um 1.30 Uhr, dann nahm er den Betrieb am Laurenzerberg bereits wieder auf.
Dass beim ÖGB seit kurzem der Zeitgeist sein Unwesen treibt, merkt man an Umbenennungen. Ein "Info-Point" soll die traditionelle Portiersloge ersetzen. Zum neuen Nachbarn ÖGB gesellen sich in dem Gebäude ein DVD-Verleih, ein Sonnenstudio und ein Geschäft für Hörgeräte. Aber auch die BAWAG-Immobilien, die kanadische Botschaft und ein Diagnosezentrum finden im Haus Platz. Nicht zu vergessen das "Arbeitsintensivste Wachzimmer von ganz Wien". Hier gilt es, die meisten Akten aufzuarbeiten, "schön langsam geht uns die Luft aus", meint eine Beamtin. Hundstorfer muss den Kaffee mit den Polizisten verschieben, verspricht aber, wieder zu kommen.
Auch die Arbeiter der Spedition sind nicht ganz glücklich mit ihren Lebensumständen. Immer weniger Geld für immer mehr Arbeit, beklagt einer, bekomme man seit dem EU-Beitritt. Ein Rundumschlag gegen innenpolitische Verhältnisse folgt: "Die kommen nie zusammen", so der Mann zu den derzeitigen Koalitionsgesprächen. Neuwahlen würden nur Geld kosten, und: "Wenn einer im Parlament was sagt, dann lacht der andere". Ob wenigstens die Gewerkschaft noch Halt gebe? Da gibt es nur ein Kopfschütteln.
(apa/red)
Syrien-Krise18:14
Obama ein Feigling?Wegschauen oder eingreifen? US-Präsident schweigt zum Massaker von Houla
Nachbeben in Italien20:01
Mehrere TodesopferErneut große Schäden und Tote nach schweren Erdstößen in Norditalien

