Donnerstag, 7. Dezember 2006

Um Inflation zu dämpfen: EZB erhöht Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,5 Prozent

  • Kreditvergabe innerhalb des Jahres um 1,5 % teurer
  • Konjunkturaussicht leicht verbessert

Die EZB hob den Schlüsselzins für die Bankenrefinanzierung wie an den Finanzmärkten erwartet zum sechsten Mal binnen eines Jahres um 25 Basispunkte auf 3,5 Prozent an. Der Leitzins im Euro-Raum ist nach den Worten von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auch nach der jüngsten Erhöhung noch niedrig. Die Geldpolitik fördere damit weiter das Wachstum.

Trichet begründete den Schritt mit der anhaltenden Inflationsgefahr im Euro-Raum. Mit Blick auf die weitere Zinspolitik sagte Trichet, die Geldpolitik sei noch immer akkommodierend, also der Konjunktur noch förderlich. "Es ist geboten, entschieden und rechtzeitig zu handeln, um die Preisstabilität zu gewährleisten." Der EZB-Rat werde deshalb alle Entwicklungen "sehr genau beobachten", um die Preisstabilität zu sichern und seine Beschlüsse über die Zinsen treffen, wie es für notwendig gehalten werde. Die Inflation werde in den kommenden beiden Jahren um zwei Prozent liegen, während das Wachstum robust bleibe. Es gebe weiter Inflationsrisiken.

Trichet ließ damit die Möglichkeit weiterer Zinserhöhungen offen. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit zuletzt befragter Bankenvolkswirte erwartet auch einen weiteren Zinsschritt auf 3,75 Prozent bis März 2007.

Die EZB hat binnen eines Jahres die Kreditvergabe an die Banken um insgesamt 1,5 Prozentpunkte verteuert. Die Zentralbank will den Preisanstieg dauerhaft auf knapp zwei Prozent drücken. Der starke Anstieg des Ölpreises der vergangenen beiden Jahre hielt die Teuerung lange über dieser Schwelle. Dank des Energiepreisrückgangs im Sommer liegt die Inflationsrate seit September mit 1,6 bis 1,8 Prozent im Zielkorridor der EZB. Doch die Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland im Januar wird das Preisniveau um schätzungsweise 0,3 Prozentpunkte erhöhen. Öl könnte zudem wieder teurer werden.

Vor diesem Hintergrund befürchten die Währungshüter vor allem, dass die Löhne im Euro-Raum übermäßig steigen und die Preise damit zusätzlich nach oben treiben könnten. In Deutschland steuern die Gewerkschaften auf ein Ende ihrer langen Lohnzurückhaltung zu und kündigten bereits Forderungen nach kräftigeren Tariferhöhungen für 2007 an. In der Metallindustrie ist von fünf bis sieben Prozent die Rede. Dem Reallohnverlust der Arbeitnehmer der vergangenen Jahre stehen kräftig steigende Gewinne in vielen Branchen gegenüber, während die Wirtschaft 2006 mit zweieinhalb Prozent das stärkste Wachstum dieses Jahrzehnts erreicht.

Die Europäische Zentralbank sieht gute Chancen, die Inflation im gemeinsamen Währungsraum erstmals seit Jahren wieder unter die Marke von zwei Prozent zu drücken. In ihrer am Donnerstag veröffentlichten Prognose geht die Notenbank davon aus, dass die Teuerung wegen der gesunkenen Ölpreise 2007 im Schnitt 2,0 Prozent und 2008 rund 1,9 Prozent betragen wird. Bei Werten knapp unter zwei Prozent sieht die EZB die Preisstabilität gewahrt. Das Preisziel wäre schon im nächsten Jahr erreicht, wenn man den Sondereffekt der deutschen Mehrwertsteuererhöhung herausrechnet, der die Inflation 2007 um 0,3 Prozentpunkte nach oben treiben wird.

Beim Wirtschaftswachstum erwartet die EZB für den Euro-Raum 2007 rund 2,2 statt wie bisher 2,1 Prozent Wachstum. Auch 2008 werde die Wirtschaft kräftig mit 2,3 Prozent zulegen. Eine robuste Konjunktur spricht für Zinserhöhungen, sinkende Inflationsgefahren sprechen dagegen.

Die britische Notenbank hat ihren Schlüsselzins unverändert bei 5,0 Prozent belassen. Sie hatte zuletzt im November die Zinsen erhöht - auf den höchsten Stand seit fünf Jahren. Experten sind sich uneins darüber, ob die Notenbank Anfang kommenden Jahres die Zinsen noch einmal erhöhen wird oder nicht.

Eine weitere Straffung der britischen Geldpolitik dürfte davon abhängen, wie stark die Lohnerhöhungen in Großbritannien ausfallen und ob der Immobilienboom endlich abflaut. Im November kosteten die eigenen vier Wände nach Angaben der Hypothekenbank Halifax knapp 10  Prozent mehr als vor einem Jahr - die Preise stiegen damit so schnell wie seit 20 Monaten nicht mehr.

Aus der britischen Wirtschaft kamen zuletzt gemischte Signale. Neben dem Immobilienmarkt boomt auch der Dienstleistungssektor, während Industrie und Detailhandel deutlich schlechter dastehen. Die Notenbank bewertet die konjunkturellen Aussichten optimistisch: Sie erwartet im kommenden Jahr ein Wachstum von 3 Prozent.


(apa/red)

7.12.2006 15:56