Samstag, 9. Dezember 2006

Ermittlungen im Fall Litwinenko: Haben sich Attentäter selbst radioaktiv verseucht?

  • Strahlung gemessen: Spur führt nach Hamburg
  • Lugowojs Gesundheitszustand ist derzeit "stabil"

Die Attentäter des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko haben sich möglicherweise selbst mit dem radioaktiven Polonium 210 vergiftet. Das berichtete die britische Tageszeitung "The Guardian" unter Berufung auf amerikanische FBI-Ermittler. Die Anwendung des radioaktiven Materials lasse darauf schließen, dass die Attentäter im Umgang mit der Substanz nicht genügend trainiert waren, hieß es aus FBI-Kreisen. Die deutsche Polizei entdeckte unterdessen in Hamburg und im angrenzenden Kreis Pinneberg radioaktive Spuren.

Die US-Polizei unterstützt die britischen Ermittlungen zum Gifttod Litwinenkos. Rückstände des radioaktiven Poloniums 210 wurden auch in der Bar des Londoner "Millennium Hotels", dem mutmaßlichen Tatort der Vergiftung Litwinenkos, gefunden. Eine Tasse und ein Geschirrspüler enthalten Spuren von Polonium 210, berichtete die britische Zeitung "Daily Telegraph". Zuvor waren schon bei sieben Angestellten des Luxus-Hotels Spuren der radioaktiven Substanz entdeckt worden. Die Londoner Gesundheitsbehörde hatte am Freitag etwa 250 Gäste der Hotel-Bar zu einer vorsorglichen Untersuchung auf Polonium aufgerufen.

Am Tag des mutmaßlichen Giftanschlags, dem 1. November, hatte sich Litwinenko in der Bar mit drei russischen Geschäftsleuten getroffen. Nach Ermittlungen der britischen Polizei wurde der Kreml-Kritiker wahrscheinlich bei diesem Treffen mit Polonium 210 vergiftet.

Hamburger Wohnungen durchsucht
In der norddeutschen Stadt Hamburg durchsuchten Ermittler Wohnungen und ein Haus, in dem sich der russische Geschäftsmann und Litvinenko-Kontaktmann Dmitri Kowtun aufgehalten hatte. Dabei waren in der Wohnung seiner Ex-Frau und im Haus von deren Mutter Spuren so genannter Alpha-Strahlung gefunden worden. Eine Feinuntersuchung sollte am Samstag klären, ob es sich dabei um Polonium 210 handelt.

Die Ermittler waren nach Angaben einer Polizeisprecherin durch Presseberichte auf die Person Kowtuns aufmerksam geworden. Der 41-Jährige war im Hamburger Stadtteil Ottensen in dem Mehrfamilienhaus gemeldet, in dem auch seine 31-jährige Ex-Frau lebte, in deren Wohnung jetzt radioaktive Spuren gefunden wurden. Die Spuren wurden laut Polizei im Bad und im Wohnzimmer der Wohnung entdeckt. Im Haus seiner Ex-Schwiegermutter in Haselau im Kreis Pinneberg nördlich von Hamburg wurden nach diesen Angaben an einem Bett und einem Stuhl ebenfalls radioaktive Spuren entdeckt.

Mehrfamilienhaus geräumt
Für eine Feinuntersuchung durch Spezialisten von Bundeskriminalamt und Bundesamt für Strahlenschutz musste zunächst das von rund 30 Menschen bewohnte Mehrfamilienhaus in Hamburg-Ottensen geräumt werden. Bei einer ersten Grobuntersuchung waren die Wohnung Kowtuns, die seiner Ex-Frau sowie eine leer stehende Gaststätte und ein Kellerraum unter die Lupe genommen worden. Das Haus der Ex-Schwiegermutter wurde versiegelt und sollte ebenfalls mit einem so genannten Fein-Scan untersucht werden.

Die Ex-Frau, ihre Mutter sowie ihre zwei aus einer anderen Verbindung stammenden Kinder waren zuvor von der Polizei befragt worden und wurden von Fachleuten betreut. Kowtun war eine der Personen, die sich am 1. November mit Litwinenko im Londoner Hotel Millenium getroffen hatten. Ob Kowtun danach noch einmal nach Hamburg zurückgekehrt war, konnte die Polizei zunächst nicht sagen. Derzeit soll er sich in einem Moskauer Krankenhaus aufhalten. Berichte, wonach er nach der Vernehmung durch britische und russische Ermittler ins Koma gefallen sei, wurden in Moskau zurückgewiesen. Aber möglicherweise wurde er ebenfalls durch Polonium verstrahlt.

Anschlag nicht in Hamburg vorbereitet
Die Polizeisprecherin wies Medienberichte zurück, wonach in Hamburg ein Anschlag auf Litwinenko vorbereitet worden sein könnte. Es lägen bislang keine Hinweise vor, dass Kowtun an der Vergiftung beteiligt gewesen sei, erklärte sie, bestätigte aber, dass die deutschen Behörden in Verbindung mit Scotland Yard stünden. Es wurde außerdem darauf hingewiesen, dass es sich bei Polonium-210 um eine schwach strahlende Substanz handele, die nur in einem geringen Umkreis Wirkung entfalte. Eine Gefahr ergebe sich lediglich bei Einnahme oder Kontakt mit offenen Wunden.

Lugowoj nennt Gesundheitszustand "stabil"
Der Hauptzeuge im Litwinenko-Skandal, der russische Geschäftsmann Andrej Lugowoj, hat seinen Gesundheitszustand trotz radioaktiver Verstrahlung als "stabil" bezeichnet. "Die Unterschungen sind noch nicht abgeschlossen", sagte der frühere Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB am Samstag von einer Moskauer Klinik aus der staatlichen Nachrichtenagentur RIA-Nowosti.

Den Gesundheitszustand seines Kollegen Dmitri Kowtun bezeichnete Lugowoj als "zufriedenstellend". Kowtun hatte an dem Treffen mit Litwinenko am 1. November teilgenommen. Die russische Nachrichtenagentur Interfax hatte dagegen unter Berufung auf Ärzte gemeldet, Kowtun sei strahlenkrank und schwebe in Lebensgefahr. Auch Lugowoj sei krank, wenn auch weniger schwer.

(apa/red)

9.12.2006 16:17