Donnerstag, 7. Dezember 2006

Nach Gifttod von Litwinenko: Auch Moskau leitet jetzt Ermittlungen wegen Mordes ein

  • Vergifteter Ex-Agent auf Londoner Friedhof beigesetzt
  • Gaidar macht Kreml-Gegner für Tod verantwortlich

Nach den britischen Behörden hat auch die Moskauer Staatsanwaltschaft ein Mord-Verfahren zur Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko eingeleitet. Damit wird auch eine Strafverfolgung in Russland möglich. Zu den britischen Ermittlungen haben die russischen Behörden erklärt, dass eine Auslieferung von Verdächtigen nicht in Frage komme. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte, aus Sicht des Kremls bedeute der Fall keine Beeinträchtigung der bilateralen Beziehungen zu Großbritannien.

Zwei Wochen nach seinem Gifttod Litwinenko in London beigesetzt worden. Der vermutlich ermordete 43-Jährige wurde auf dem Friedhof Highgate beerdigt, wo bereits Karl Marx die letzte Ruhe fand. Zu der Trauerfeier erschienen neben der Ehefrau Litwinenkos und seinem zwölfjährigen Sohn zahlreiche Kreml-Gegner, wie der Milliardär Boris Beresowski und der im Londoner Exil lebende tschetschenische Rebellen-Führer Achmed Sakajew.

Vor der Beisetzung fand ein Gedenkgottesdienst in der Moschee am Regent's Park statt. Der Vater Litwinenkos sagte dem Sender Radio Free Europe, sein Sohn habe ihm zwei Tage vor seinem Tod mitgeteilt, dass er aus persönlichen Gründen zum Islam übergetreten sei. Sein Freund Alexander Goldfarb sagte, eine förmliche Konversion sei ihm nicht bekannt.

Andere Freunde sprachen von einer nicht-religiösen Beisetzung, weil die Familie befürchtet habe, dass Litwinenko als Anhänger islamischer Extremisten verunglimpft werden könnte. Ein weiterer Bekannter Litwinenkos, Wladimir Bukowski, sagte, der Ex-Agent habe darum gebeten, nach dem Kriegsende in Tschetschenien dort begraben zu werden.


Ein enger Freund Litwinenkos, der im Londoner Exil lebende tschetschenische Rebell Achmed Sakajew, machte in einem Interview den Westen indirekt mitverantwortlich für den mysteriösen Gifttod des russischen Ex-Spions. Die Kritiklosigkeit wichtiger Industriestaaten gegenüber der Regierung von Präsident Wladimir Putin stärke das "kriminelle Regime" in Moskau. "Für die Tatsache, dass die russische Demokratie und die Meinungsfreiheit verraten wurden, sind diejenigen verantwortlich, die Putin mit offenen Armen empfangen und ihn einen kristallklaren Demokraten nennen."

Sakajew bestätigte, dass er Litwinenko am 1. November - dem ersten Tag der Erkrankung des Russen - in seinem Auto mitgenommen habe. Daraufhin seien in seinem Fahrzeug auch Spuren radioaktiver Strahlung gefunden worden.

Litwinenko starb am 23. November in einem Londoner Krankenhaus nach einer Vergiftung mit dem radioaktiven Polonium-210. Litwinenko sollte in einem verschlossenen, strahlensicheren Sarg beigesetzt werden. Dies stelle keine Gesundheitsgefahr dar, erklärte die britische Gesundheitsbehörde. Jedoch sei der Familie erklärt worden, dass sie bei der Entscheidung für eine Einäscherung erst 22 Jahre hätte warten müssen, bis die Strahlung abgeklungen sei, sagte Goldfarb.

Auf dem Sterbebett hatte Litwinenko den russischen Präsidenten Wladimir Putin für den Giftanschlag verantwortlich gemacht. Die britische Polizei ermittelt seit Mittwoch wegen Mordes, nachdem zunächst nur von einer Untersuchung wegen eines ungeklärten Todesfalls die Rede war.

In Moskau sagte der erkrankte ehemalige Ministerpräsident Jegor Gaidar, er sei ebenfalls vergiftet worden. Da der Kreml nach den Vorwürfen Litwinenkos aber im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehe, vermute er, dass die Tat von Gegnern der Regierung verübt worden sei, denen an einer weiteren Verschlechterung des Verhältnisses zum Westen gelegen sei.

(apa/red)

7.12.2006 18:25