Dienstag, 5. Dezember 2006

Gewaltspirale dreht sich weiter: Zahlreiche Tote bei mehreren Anschlägen in Bagdad

  • US-Soldaten sterben bei Hubschrauber-Notlandung
  • Schiitenführer gegen baldigen Abzug der US-Truppen

Mutmaßliche sunnitische Extremisten haben in Bagdad 15 schiitische Regierungsangestellte erschossen. Bei einem Autobombenanschlag im Westen der irakischen Hauptstadt kamen weitere rund 16 Menschen ums Leben. Angesichts immer neuer Terrorakte im Irak bat der einflussreiche Schiitenführer Abdulaziz al-Hakim US-Präsident George W. Bush, die amerikanischen Truppen vorerst nicht aus dem Irak abzuziehen.

Nach einem Treffen mit Bush im Weißen Haus sagte Hakim, die US-Soldaten müssten den irakischen Sicherheitskräfte helfen, den Terrorismus selbst zu bekämpfen. Kritisch äußerte er sich über internationale Anstrengungen zur Lösung der Probleme seines Landes. "Der Irak sollte in der Lage sein, die Probleme des Iraks zu lösen", sagte er. Bush zeigte sich unzufrieden; die Bemühungen um ein Ende des Blutvergießens im Irak zeigten keine zufrieden stellenden Erfolge. Das Gespräch mit Hakim bezeichnete er als konstruktiv. Er habe die weitere Unterstützung der USA zugesichert.

Hakim ist der Chef der größten Schiitenpartei des Irak, des Iran-freundlichen "Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak" (SCIRI). SCIRI unterhält eine eigene Miliz, die so genannten Badr-Brigaden, denen ebenso wie der Mehdi-Armee des Schiitenpredigers Muktada (Moqtada) al-Sadr tödliche Anschläge auf Sunniten vorgeworfen werden. Teheran soll die Badr-Brigaden mit Waffen und Geld unterstützen.

Am Mittwoch soll die überparteiliche Sonderkommission zur Irak-Politik der USA ihre Empfehlungen vorlegen. Das Gremium steht unter Leitung des ehemaligen US-Außenministers James Baker und des ehemaligen demokratischen Abgeordneten Lee Hamilton. Es wird erwartet, dass die Kommission einen schrittweisen Abzug der US-Truppen bis zum Jahr 2008 vorschlägt. Außerdem wird dem Vernehmen nach ein Kurswechsel der amerikanischen Streitkräfte empfohlen - weg von Kampfeinsätzen, hin zu mehr Ausbildung und Unterstützung der irakischen Truppen. Weiter rechneten Beobachter damit, dass sich die Baker-Hamilton-Kommission für größere diplomatische Bemühungen in der Region ausspricht. Was den Iran und Syrien betrifft, hat Bush dies bisher abgelehnt.

Im Irak fielen unterdessen wieder Dutzende Menschen Anschlägen zum Opfer. Augenzeugen und Polizei berichteten, im Al-Bayaa-Viertel Bagdads, seien kurz hintereinander drei Autobomben an einer Tankstelle detoniert. 16 Menschen starben, rund 25 Iraker wurden verletzt. Bewaffnete Männer zündeten in der Früh im Norden der Hauptstadt eine Autobombe, um einen Kleinbus zu stoppen, in dem Mitarbeiter der schiitischen Religionsbehörde saßen. 15 Insassen wurden erschossen, sieben weitere verletzt. Die Religionsbehörde kümmert sich um die Verwaltung der schiitischen Moscheen im Irak. Im Stadtteil Yarmouk (Jarmuk), der überwiegend von Sunniten bewohnt wird, fielen zwei irakische Soldaten einem Anschlag zum Opfer. Ihr Konvoi wurde von einer am Straßenrand gelegten Bombe getroffen.

Die US-Armee teilte mit, Aufständische hätten einen ihrer Soldaten getötet und fünf weitere verletzt. Wie das Militärkommando berichtete, wurde ihre Patrouille in Bagdad attackiert. Unterdessen bargen die US-Truppen die Leichen von drei weiteren Soldaten, die als vermisst galten. Sie und ein vierter Soldat waren bei einer Notlandung eines Hubschraubers auf dem Kadissiyah-See (Qadissiya-See) im Westirak ums Leben gekommen. Damit sind seit Samstag im Irak mindestens 15 US-Soldaten ums Leben gekommen.

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki wies unterdessen Äußerungen von UNO-Generalsekretär Kofi Annan zur Lage im Irak zurück. Annan hatte in einem BBC-Interview erklärt, die Situation für normale Iraker sei inzwischen schlechter als zu Zeiten von Diktator Saddam Hussein, die Lage sei "viel schlimmer als in einem Bürgerkrieg". Eine solche Bewertung "schönt das frühere Regime, das für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekannt ist", sagte Maliki. Wie zuvor der irakische Präsident Jalal Talabani und Hakim lehnte auch Maliki eine von Annan vorgeschlagene internationale Friedenskonferenz zum Irak " als neuerliche Bevormundung des irakischen Volkes" ab.(apa)

5.12.2006 15:25