"Viel schlimmer als ein Bürgerkrieg": USA müssen weitere Verluste im Irak beklagen
- UNO-Boss Annan: US-Einmarsch passierte zu schnell
- Iraks Regierung bekommt Gewalt nicht in den Griff
·"Bescheidener Abzug der USA aus Irak"
Ex-Minister Rumsfeld regt
Strategie-Änderung an
Die USA haben innerhalb von zwei Tagen neun Soldaten im Irak bei Kämpfen mit Aufständischen verloren. Für den scheidenden UNO-Generalsekretär Kofi Annan ist die Lage in dem Land jetzt "viel schlimmer als ein Bürgerkrieg". US-Präsident George W. Bush plant nach den Worten seines Sicherheitsberaters Stephen Hadley ein verändertes Vorgehen, aber keinen raschen Truppenabzug.
Bush hat sich unzufrieden über die Eskalation der Gewalt im Irak gezeigt. Die Vereinigten Staaten seien mit den Fortschritten bei den Bemühungen um ein Ende des Blutvergießens nicht zufrieden, sagte Bush nach einem Treffen mit dem irakischen Schiitenführer Abdulaziz al-Hakim. Das mehr als einstündige Gespräch bezeichnete der Präsident als sehr konstruktiv. Er habe Hakim und dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki dabei die weitere Unterstützung der USA zugesichert.
Bush danke Hakim für dessen "Bekenntnis zu einer Regierung der Einheit" in Bagdad. Hakim, Führer der größten Schiitenpartei im Irak, äußerte sich kritisch über regionale und internationale Anstrengungen zur Lösung der Probleme seines Landes. "Der Irak sollte in der Lage sein, die Probleme des Irak zu lösen", erklärte der einflussreiche Politiker.
Drei weitere US-Soldaten gelten seit der Notlandung eines Militärhubschraubers in der sunnitischen Anbar-Provinz als vermisst. Ein Soldat kam dabei ums Leben. 13 Insassen des Helikopters der Marineinfanterie hätten sich retten können, hieß es. Extremisten haben unterdessen erneut einen Journalisten ermordet. Nach Angaben von Augenzeugen wurde Nabil Ibrahim al-Dulaimi, der als Nachrichtenredakteur für "Radio Tigris" arbeitete, auf seinem Weg zur Arbeit erschossen.
Aufgrund des Niveaus der Gewalt, der Anzahl der getöteten Menschen, der Verbitterung und der Art, wie die verfeindeten Lager Jahre miteinander gekämpft hätten, sei der Konflikt im Libanon in den 70er und 80er Jahren als Bürgerkrieg bezeichnet worden, sagte Annan in einem Interview mit der BBC und fügte hinzu: "Im Irak ist es viel schlimmer." Der US-Einmarsch 2003 hätte nach Annans Ansicht verhindert werden können, wenn den Atom-Inspektoren mehr Zeit gegeben worden wäre.
Irakischen Zivilisten, die sagten, ihnen sei es im täglichen Leben unter dem gestürzten Machthaber Saddam Hussein besser gegangen, gab Annan recht. "Wenn ich ein durchschnittlicher Iraker wäre, würde ich wie sie diesen Vergleich machen. Sie hatten einen brutalen Diktator, aber sie konnten raus auf die Straße. Ihre Kinder konnten zur Schule und wieder nach Hause gehen, ohne dass eine Mutter oder ein Vater sich besorgt fragen mussten: 'Werde ich mein Kind je wiedersehen?'", sagte Annan. "Und die irakische Regierung ist nicht in der Lage, die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen", fügte er hinzu. Allein am vergangenen Wochenende starben im Irak bei Bombenanschlägen und Militäreinsätzen rund 60 Menschen.
Annans Äußerungen könnten jenen Kräften in den USA Auftrieb geben, die ein anderes Vorgehen im Irak fordern. In Washington wurde unterdessen ein Schreiben des früheren Verteidigungsministers Donald Rumsfeld bekannt, in dem er ein Scheitern der US-Strategie im Irak einräumte.
Kurz vor seinem Rücktritt nach der Kongresswahl im November hatte der Minister in einer geheimen Aktennotiz erklärt: "Was die US-Truppen im Irak derzeit tun, funktioniert nicht gut genug oder schnell genug." Zudem skizzierte Rumsfeld mehrere Möglichkeiten zur Änderungen der Irak-Politik, darunter auch die einer Truppenreduzierung.
Die Situation im Irak war das beherrschende Thema der Wahlen zum Senat und zum Repräsentantenhaus in den USA gewesen, bei denen die Republikaner von Präsident Bush eine schwere Niederlage erlitten.
(apa/red)
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