Donnerstag, 7. Dezember 2006

Schockierender Zustand: Fast jeder zehnte pflegebedürftige Österreicher misshandelt

  • Überforderung häufigstes Motiv - Auch Alk-Probleme
  • Subtile Formen der Misshandlungen und Bestrafungen

Zwischen fünf und zehn Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Österreich sind körperlicher Gewalt ausgesetzt, schätzt Josef Hörl, Soziologe an der Universität Wien. "Wenn alte Menschen abhängig werden, ist die Gefährdung besonders groß". Häufig seien Angehörige schlicht überfordert oder würden alte Menschen aus Unkenntnis vernachlässigen.

Auch "Problemfamilien", in denen Alkohol konsumiert wird, gehören zu der Risikogruppe, sagte der Professor. Zudem könne die Situation in Pflegebeziehungen kippen, die schon zuvor belastet waren: Frauen, die unter ihrer Schwiegermutter gelitten hatten, würden sich beispielsweise "revanchieren". Die Dunkelziffer dürfte hoch sein: "Auf eine entdeckte Tat entfallen fünf, die im Dunkel bleiben", sagte Hörl.

Laut einer französischen Erhebung sollen 20 Prozent aller alten Menschen, die in Familien gepflegt werden, Opfer von Misshandlungen sein. In US-Studien ist sogar von bis zu 50 Prozent und mehr Pflegebedürftigen die Rede, die Gewalt in einem weiteren Verständnis ausgesetzt sind - also vernachlässigt oder isoliert werden, so der Soziologe. Die Täter in den Familien sind laut englischen Studien meist weiblich, mittleren Alters und fühlen sich für den alten Menschen verantwortlich. Auch die Opfer sind dieser Erhebung zufolge überwiegend Frauen, oft über 80 Jahre alt.

Misshandlungen und Bestrafungen
Eine aktuelle Befragung von älteren Frauen in Kärnten, der Steiermark und Salzburg zeigt, dass vor allem psychische Gewalt oft verharmlost wird, sagte die Autorin der Studie, Katharina Ebner. Viele Betroffene sehen sich gar nicht als Opfer, erklärte sie. Dass "Gewalt mehr ist, als geschlagen zu werden", müsse ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Gerade subtile Formen der Misshandlung erleben alte Menschen als "extrem dramatisch", so Hörl. Schon böse Worte würden sehr ernst genommen. Erlebnisse von Rot-Kreuz-Mitarbeitern zeigen, dass pflegende Angehörige etwa ein Wasserglas knapp außer Reichweite platzieren, oder Ältere "bestrafen", indem diese ihre Enkel nicht sehen dürfen, erzählte Monika Wild, Leiterin der Gesundheits- und Soziale Dienste des Österreichischen Roten Kreuzes.

Die Täter sind jedoch "gleichzeitig Opfer ihrer Überforderungssituation", meinte der Soziologe. "Pflegende Angehörige fühlen sich oft in der Falle. Wir wollen sie in keiner Weise kriminalisieren", so Wild. Bedürftige seien zudem häufig Mitverursacher, weil sie ihre Helfer "mit Haut und Haar" beanspruchen und Angehörige dadurch großem psychischen Druck ausgesetzt sind.

(apa/red)

7.12.2006 12:08