Indie-Labels in Österreich: "Geile Mucke" trotz äußerst knapper Finanzressourcen!
- "Zweites Standbein" als einzige Überlebensstrategie
- Rund 30% des Umsatzes kommt von Indie-Labels
Die Szene der heimischen Musik-Independent-Labels ist vielfältig. Mediale Aufmerksamkeit erhalten jedoch vorwiegend jene unabhängigen Tonträgerunternehmen, die den elektronischen Sektor bedienen und über die Grenzen des Landes bekannt sind: G-Stone, Cheap Records oder zuletzt - jubiläumsbedingt - Klein Records und Couch Records. Indie-Labels mit anderen Genreschwerpunkten sind international weit weniger präsent. Sie klagen über kleine Absatzmärkte und geringe Medienresonanz, hoffen auf steigende Exportzahlen und haben ihre jeweils eigene Taktik, um finanziell über die Runden zu kommen.
Als Peter Kruder und Richard Dorfmeister Anfang der 90er Jahre ihr eigenes Label G-Stone gründeten und mit legendären Releases wie "The K&D Sessions" oder "DJ Kicks" der heimischen Subkultur zu einem schlagartigen Auftrieb verhalfen, wollten plötzlich alle ihr eigenes Ding machen. Im Windschatten von G-Stone entstanden eine Handvoll erfolgreicher Plattenlabels, die mit Acts wie den Sofa Surfers, Pulsinger/Tunakan oder Hans Platzgumer die österreichische Undergroundszene exportfähig machten und Wien als international beachtete Trademark für hochkarätige elektronische Musik etablierten.
180 Indie-Labels in Österreich
Inzwischen gibt es rund 180 Indie-Labels, die unterschiedlichste Genres abdecken. Selbst erhalten können sich allerdings die wenigstens. "Allein vom Label könnten wir nie leben", gesteht Konstantin Drobl, der mit Trost Records hauptsächlich Gitarrenbands zwischen Indie-Rock und Noise verlegt. Um sich die "Liebhaberei" des Plattenmachens trotzdem zu ermöglichen, organisiert der Wiener seit rund sechs Jahren für etwa 50 internationale Labels den Vertrieb in Österreich. "Das war am Anfang extrem mühsam, läuft aber mittlerweile sehr gut." Manche Produkte landen auch im eigenen CD- und Vinyl-Store "Substance" in Wien.
"Zweites Standbein"
"Um als Indie-Label überleben zu können, braucht man ein zweites Standbein", ist auch Eva Brunner, Junior Label Managerin bei monkey music, überzeugt. Das Wiener Kleinunternehmen mit Dependance in Berlin arbeitet demnach nicht nur als klassischer Plattenverlag, sondern unterhält zudem eine Promotion Agentur, die für entsprechende Einkünfte sorgt. Das Hauptproblem liege am kleinen österreichischen Musikmarkt und den gleichzeitig geringen Exportanteilen, ist Brunner überzeugt.
Selbst Wohnzimmer Records, das erfolgreiche Indie-Pop-Kapellen wie "The Staggers", "Velojet" oder "Petsch Moser" veröffentlicht, kann sich "definitiv nicht" selbst erhalten. Für Peter Winkler, gemeinsam mit Kerstin Breyer und dem ehemaligen Heinz-Gitarristen Lelo Brossmann Inhaber des Wiener Labels, heißt "das Zauberwort" ebenfalls Musikexport. Entgegen der international anerkannten Elektronik-Musik entwickle sich im Gitarrenbereich "erst langsam Eigenständigkeit und so was wie ein Selbstbewusstsein". Gerade in diesem Bereich gebe es momentan "sehr interessante Projekte", die österreichischen Labels, die expandieren wollen, "helfend unter die Arme greifen."
Initiative "Austrian Music Export"
Eines dieser Projekte ist die Initiative "Austrian Music Export" (AME) des music information center austria (mica), die 2004 mit Mitteln der Stadt Wien und des Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen (SKE) der Austro Mechana eingerichtet wurde. Ihr Ziel ist es, inländischen Musikern und ihren Plattenfirmen vor allem aus dem Nischenbereich geeignete Präsentationsmöglichkeiten im Ausland zu verschaffen. Es werden Kontakte geknüpft, Pressegespräche vermittelt, Showcases und Konzerte organisiert. "Wichtig dabei ist die Berücksichtigung des jeweiligen Genres. Um Jazz an die Öffentlichkeit zu bringen, braucht es andere Strategien wie beispielsweise bei Weltmusik oder Hardcore", erklärt Helge Hinteregger von mica. Weiters plädiert man für eine bessere Abstimmung zwischen Wirtschafts- und Kulturpolitik im Bereich der Exportförderung auf dem Musiksektor.
Philipp Kroll sieht - anders als etwa Winkler ("durch FM4 und gotv sehr gute Präsentationsmöglichkeiten") - das Problem eher in der fehlenden Medienresonanz: "Es gibt in Österreich de facto keine medialen Möglichkeiten für Indie-Labels". Das Mitglied der Gruppe Texta, einer der prägendsten Hip-Hop-Formationen des Landes, betreut mit Tonträger Records seit Jahren stilverwandte Acts. Alternative Musik spiele im österreichischen Fernsehen keine Rolle mehr, so Krolls Diagnose. Sein Lösungsvorschlag: "Das ganze Geld, das für Starmania ausgegeben wird, könnte man in die Entwicklung guter Formate investieren." Auch regelmäßiges Airplay auf FM4 sei keine Verkaufsgarantie. Finanziell gesehen sei man "eh schon froh, wenn man unterm Strich mit Null aussteigt", so der Linzer. Im Schnitt produziert Tonträger Records 500 Einheiten pro Release, manchmal - wie im Falle von "Markante Handlungen" - rund 1.000 Stück, "aber selbst davon wird man alles andere als reich".
Gar nicht nachvollziehen kann Bernhard Kern von Siluh Records das "Gejammere" seiner Kollegen, auch wenn der u.a. bei Jugendstil tätige Musiker die Situation des noch jungen, gitarrenlastigen Labels als "komplett desaströs" bezeichnet. Aber man kenne die Bedingungen ja schon im Vorhinein. Wer Kohle machen wolle, müsse halt "ein Wirtshaus eröffnen oder Handys verkaufen". Finanziert wird die Unternehmung Siluh nicht nur durch Privatkapital von Schauspieler und Mitbetreiber Robert Stadlober, sondern auch - wie im Fall vieler anderer Indie-Labels - durch regelmäßiges Organisieren von Veranstaltungen wie dem "Siluh Beatkeller" im Shelter oder den "Klub Tokyo Hotel".
"Geile Mucke" statt "Gewinnmaximierung"
Großes Geld ist mit einem kleinen Label kaum zu machen. Das wissen auch die Betreiber. Trotzdem sind viele von ihnen mit Leidenschaft bei der Sache und investieren jede Menge Zeit und Energie in ihr Unternehmen. Ziel ist einerseits die Unterstützung begabter heimischer Künstler, andererseits die Umsetzung einer liberalen Label-Politik, die sich bewusst von den oft als starr und hierarchisch empfundenen Strukturen der großen Plattenfirmen abgrenzen soll. Trotzdem sind einige der unabhängigen Tonträgerfabrikanten auf die Zusammenarbeit mit Majors angewiesen.
Worte wie "Verträge" oder "Signing" hört Philipp Kroll gar nicht gern. "So etwas gibt es bei uns nicht", erklärt der Betreiber von Tonträger Records in Linz. Sein Label verstehe sich vielmehr als "Plattform mit offenen Strukturen", die sehr stark auf der Basis von "Do-It-Yourself" funktioniere. Seit 1998 veröffentlicht Kroll Alben von verschiedenen heimischen Hip-Hop-Formationen, ohne dabei wesentliche Gewinne einzufahren. Dies sei auch nie seine Absicht gewesen. "Hauptmotiv für eine Labelgründung war meine Überzeugung, dass lässige Sachen einfach veröffentlicht gehören."
"Geile Mucke" wollten auch Bernhard Kern und Robert Stadlober produzieren, als sie vor eineinhalb Jahren Siluh Records gründeten. "Wir verstanden nicht, warum Gruppen wie "Gschu" trotz ihrer tollen Songs keine Plattenfirma finden konnten. Also haben wir beschlossen, sie einfach auf einem eigenen Label rauszubringen", erzählt Kern. Mittlerweile umfasst das Siluh-Repertoire vier Vinyl-Releases und eine CD-Veröffentlichung, alle aus dem Bereich Indie-Pop. Im Jänner kommt ein Album von "A Life A Song A Cigarette". Gearbeitet wird ebenfalls "projektbezogen", also ohne fixe Verträge.
Flexibilität Hauptunterschied zu Majors
Die Flexibilität stellt für Eva Brunner von Walter Gröbchens monkey music überhaupt einen der Hauptunterschiede zu den großen Plattenfirmen dar. "Manchmal ergibt sich für Acts etwas Spontanes, wo wir dann nur zwei Wochen Vorlaufzeit haben. Das wäre bei einem Major niemals möglich." Außerdem gebe es im Indie-Bereich "flachere hierarchische Strukturen". Im Gegenzug brauche man allerdings sehr engagierte Bands, "die präsent und sich nicht zu schade sind, meinetwegen auch vor zehn Leuten in Gramatneusiedl zu spielen".
30% des Umsatzes von Indie-Labels
Gemessen am österreichischen Tonträgerabsatz erwirtschaften kleine Plattenfirmen mittlerweile "rund 30 Prozent" des Gesamtumsatzes, schätzt Thomas Böhm von der LSG (Wahrnehmung von Leistungsschutzrechten GmbH). Genaue Zahlen darüber gebe es allerdings keine. Nimmt man Böhms Angaben als Richtwert, so entfielen folglich zwei Drittel der Einnahmen auf gerade einmal vier Big Player: Sony BMG, Universal, EMI und Warner. Trotzdem seien Indie-Labels "sehr wichtig" für die österreichische Musiklandschaft, betont Peter Winkler von Wohnzimmer Records, "da bei einigen Majors der Aufbau heimischer Künstler eine sehr untergeordnete Rolle einnimmt". Da bei den Indies die "Gewinnmaximierung im Normalfall nicht an oberster Stelle der Prioritätenliste" stehe, seien langfristige Maßnahmen wie Künstleraufbau und Entwicklung einer bestimmten Linie eher möglich. "Die Bands stehen unter keinem so hohen Verkaufsdruck".
Freundschaft geht vor Gewinnspannen
Für Konstantin Drobl ist jegliche Kooperation mit Majors "unter keinen Umständen vorstellbar": "Ich möchte nicht, dass irgendwelche Vertreter, die von Musik keine Ahnung haben, meine Dinger verkaufen. Den Leuten, die für mich tätig sind, soll das wichtig sein", so der Boss von Trost Records. Sind Majors also der programmatische Feind? "Man wird ja älter", schmunzelt Drobl, aber label-politisch wolle er nichts mit ihnen zu tun haben. "Bei uns haben die Künstler weitgehend Narrenfreiheit", so der Wiener, der ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Bands großen Gewinnspannen allemal vorziehe.
Obwohl sich - wie Drobl - zahlreiche Indies von der Label-Politik der großen Konzerne distanzieren, sind einige trotzdem auf die Zusammenarbeit mit Majors angewiesen. So wickelt etwa monkey music seinen Vertrieb in Österreich über Universal ab, Wohnzimmer Records wiederum vertreibt seine Produkte über Sony BMG. "Mit einem Major starten zu können, war zum Zeitpunkt der Gründung sehr wichtig für uns", gibt Winkler zu. Allerdings wechselt das Wohnzimmer-Trio zu seinem fünfjährigen Bestehen, also mit Beginn 2007, zu Hoanzl, einem Vertriebspartner, der sich überwiegend um kleine Labels kümmert. Auch für monkey music rückt das Ziel von Unabhängigkeit auf allen Ebenen näher: Am Aufbau eines "Non-Traditional-Vertriebs über einschlägige Outlets" wird fleißig gewerkt. (apa/red)
