Montag, 27. November 2006

Gazprom will Gaspreise für Export drastisch
erhöhen: OMV von Plänen nicht betroffen!

  • Maßnahme trifft Weißrussland & baltische Staaten
  • OMV: Langfrist-Verträge mit eigener Preisformel

Der russische Gasriese Gazprom will seine Exportpreise für Europa im kommenden Jahr kräftig erhöhen. Laut der russischen Wirtschaftszeitung "Wedomosti" sieht das konzerninterne Budget eine Anhebung von derzeit rund 257 auf 293 Dollar (223 Euro) je 1.000 Kubikmeter vor. Drastische Erhöhungen seien vor allem für Weißrussland und die drei baltischen Staaten geplant. Die Langfrist-Verträge der OMV seien nicht betroffen, sagte ein Sprecher zur APA.

Die OMV hat ihre Lieferverträge mit Gazprom erst Ende September dieses Jahres bis 2027 verlängert. Für diese gebe es eine Preisformel, die an den Ölpreis gebunden sei. Rund 59 Prozent des österreichischen Bedarfs wird mit Gas aus Russland gedeckt.

Der größte deutsche Gasversorger E.ON Ruhrgas weist ebenfalls auf langfristige Lieferverträge mit Gazprom hin, in denen Preis an Wettbewerbsenergien gebunden sei. Damit folgten die Importpreise für russisches Gas der Ölpreisentwicklung. Anfragen von Gazprom in Hinblick auf weitere Preiserhöhungen seien bei Ruhrgas nicht bekannt, hieß es. Die bestehenden Verträge seien gerade bis zum Jahr 2035 verlängert und neue mit einer Laufzeit bis 2036 geschlossen worden. Allerdings gebe es in regelmäßigen Abständen Preisrevisionen, bei denen erneut über die Preisformel der verhandelt werden könne. Ähnlich äußerte sich der Gasversorger Wingas, der zur Hälfte zu Gazprom, zur anderen Hälfte zum BASF-Konzern gehört.

Preiserhöhung "aggressiv"
Das konzerninterne Gazprom-Budget sehe die Preiserhöhung für 2007 vor, bestätigten Unternehmenskreise in Moskau den Zeitungsbericht. Moskauer Analysten reagierten überrascht und bezeichneten die Preiserhöhung als "aggressiv". Offiziell teilte Gazprom mit, man könne keine internen Zahlen vor der Sitzung des Aufsichtsrates kommentieren.

Deutsche Abnehmer bezahlen derzeit rund 290 Dollar pro tausend Kubikmeter Gas an Gazprom. Deutschland bezieht rund ein Drittel seines Erdgases von dem russischen Staatskonzern. Weißrussland soll laut "Wedomosti" statt bisher 46 Dollar pro tausend Kubikmeter im kommenden Jahr 200 Dollar zahlen. Lettland, Litauen und Estland will Gazprom im kommenden Jahr 220 Dollar bis 260 Dollar pro tausend Kubikmeter berechnen. Die baltischen Staaten würden ab 2007 den "europäischen Durchschnittspreis" zahlen, sagte ein Gazprom-Sprecher der Zeitung.

Weißrussland droht mit Abbruch der Beziehungen
Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko dagegen hatte seinem Hauptverbündeten Russland mit dem Abbruch der Beziehungen gedroht, sollte Gazprom den Gaspreis - wie bereits im Frühjahr angekündigt - vervierfachen. Weißrussland ist fast vollkommen abhängig von den Energieimporten aus dem Nachbarland. Preisverhandlungen zwischen Moskau und Minsk hätten noch zu keiner Einigung geführt, berichtete "Wedomosti" weiter.

Erhöhen wird Gazprom den Preis auch im Inland. Auf dem russischen Markt sollen tausend Kubikmeter Gas demnach im kommenden Jahr 49 Dollar kosten - eine Steigerung um 15 Prozent gegenüber heuer. Der niedrige Preis ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil für die russische Industrie. Breite Bevölkerungsschichten nutzen Erdgas zum Heizen und günstigen, aus Gas gewonnenen Strom. Auf der anderen Seite hemmt der niedrige Preis Investitionen und die Entwicklung neuer Gasfelder oder alternativer Energiequellen.

Der vom Kreml kontrollierte Gazprom-Konzern will im kommenden Jahr seine Exporteinnahmen um etwa 20 Prozent auf die Rekordhöhe von 46 Mrd. Dollar steigern. Die Exportmenge für die Abnehmer in Europa solle demnach von 151 Mrd. Kubikmeter auf knapp 158 Mrd. Kubikmeter erhöht werden. Anfang dieses Jahres kam auch in Westeuropa weniger Gas an, als Russland die Pipelines für die Ukraine zeitweise sperrte.

Investiert Gazprom im Westen?
Zu seit Wochen andauernden Spekulationen über einen möglichen Einstieg bei westlichen Unternehmen sagte Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew der Pariser Tageszeitung "Les Echos", man führe derzeit weder mit dem deutschen Energiekonzern RWE noch mit dem britischen Versorger Centrica Verhandlungen.

Trotz der deutlichen Erhöhung der Exporteinnahmen droht dem russischen Gasgiganten einmal mehr ein Gesamtdefizit. Ursachen dafür sind die staatlich geregelten Billigtarife für den russischen Inlandsmarkt sowie eine nach Ansicht von Kritikern äußert ineffiziente Konzernführung.

Russische Experten zeigten sich von den Gaspreiserhöhungen vor dem Hintergrund der Prognosen für den Ölpreis überrascht. Die Pläne machten einen "aggressiven" Eindruck, urteilte die Investmentbank Deutsche UFG in Moskau. In einer eigenen Prognose gehe man eher von einem Export-Preis der Gazprom im kommenden Jahr von 255 Dollar je 1.000 Kubikmeter aus, hieß es. "Internationale Gasverträge sind wie ein Buch mit sieben Siegeln. Nur ganz wenige Personen bekommen die Verträge zu sehen", kommentierte eine Moskauer Analystin, die anonym bleiben wollte, die Preispolitik von Gazprom.

Lieferengpässe dementiert
Der Kreml dementierte jüngste Berichte über mögliche Lieferengpässe für russisches Gas in den kommenden Jahren auf Grund der mangelhaften Erschließung neuer Vorkommen. Die Regierung werde den Inlandsverbrauch von Gas reduzieren, kündigte Putins Berater Igor Schuwalow in einem Interview mit der Londoner "Financial Times" an. Die heimische Industrie solle verstärkt auf Wasserkraft, Atomkraft und Kohle zurückgreifen. Russland bleibe der verlässlichste Energielieferant für die Europäische Union, sagte Schuwalow. (apa/red)

27.11.2006 17:25